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Der Camino – not Everybody’s Darling

Das Camino kann demjenigen, der auf ihm wandelt, so unfassbar viel geben. Ich wähle hier absichtlich dieses Verb, da sich damit jeder angesprochen fühlen dürfte – ob der Pilger, der Wanderer oder einfach der Suchende. All diese Menschen trifft man auf dem Weg und obgleich ich alle auf dem Camino als Pilger bezeichne, gibt es hier doch äußerst kontroverse Meinungen. Da gibt es eben immer wieder die Konservativen, die bei der in ihren Augen falsch platzierten Bezeichnung jedes Mal aufs Neue die auf Wikipedia zitierte und von Arnd Krüger in „Historie des Wanderns“ veröffentlichte Definition auskramen:

Pilger, veraltet auch Pilgrim („Fremdling“), stammt vom lateinischen Wort peregrinus (oder peregrinari, „in der Fremde sein“) ab. Eine Einzelperson wurde früher als Pilgersmann bezeichnet. Im Kirchenlatein bezeichnet als pelegrinus eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, zumeist eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternimmt, zu Fuß oder auch unter Verwendung eines Transportsmittels.

Der Anlass einer Pilgerfahrt kann eine auferlegte Buße sein und das Bemühen, einen Sündenablass zu erhalten, die Erfüllung eines Gelübdes, in einem bestimmten Anliegen, religiöse Vertiefung oder Abstattung von Dank. Ziel ist ein als heilig betrachteter Ort, etwa eine Wallfahrtskirche, ein Tempel, ein Baumheiligtum usw. In säkularisierten Gesellschaften wird Pilgern auch als eine Form des Wanderns betrieben.

Was hier aber gerne vollkommen ausgebelendet wird, ist sind wichtigen Worte „wurde„, „früher„, „Kirchenlatein„, „kann“ und der letzte Satz wird grundsätzlich nicht zitiert. Dass heutige Pilgerwege und Pilgerreisen nicht ausschließlich das sind, was sie noch vor wenigen Jahrzehnten waren, wird außer Acht gelassen. Und das ist so schade. Der Weg hat sich verändert – klar. Aber das ist doch wunderbar. Er bietet heute vielen so unfassbar unterschiedlichen Menschen ein Zuhause, einen intensiven Moment im Leben, viel Freude und vielleicht auch ein wenig Erleuchtung. Jeder findet auf dem Weg etwas anderes. Und eben das ist es, was den Camino so spannend macht. Die Vielfalt an Menschen und an Erlebnissen.

Ein Aspekt, der die „Argumente“ der Steinzeitigen eigentlich ins Alberne verkehrt ist, dass der zitierte Text von Arndt Krüger in einem Gesamtwerk zum Thema Wandertourismus veröffentlicht wurde und dank Wikipedia eben sehr leicht zu verallgemeinern ist. Ich meine, Hallo? Wandertourismus! Lasst eucht das doch mal auf der Zunge zergehen. Wikipedia gilt heute aber ja irgendwie als das einzig Richtige und Wahre: Was hier steht, stimmt auch, muss nicht hinterfragt werden und eine eigene Meinung ist auch nicht nötig. Ablesen und Nachplappern reicht.

Aber hier sind wir wieder beim eigentlichen Problem, das ich schon mehrfach angesprochen hatte: Pauschalisierungen und Engstirnigkeit bringen niemandem etwas. Schon gar nicht auf dem Camino, der doch eigentlich so viel Freiheit schenkt.

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Mal abgesehen von unpassenden Beiträgen und Kommentaren, die aktuell immer wieder in den einschlägigen Jakobsweg-Gruppen auf Facebook auftauchen, zeigt sich in manchen passenden und doch sehr reflektierten Kommentaren, dass der Camino nicht für jeden etwas ist. Ab und an, zugegebenermaßen sehr, sehr, sehr selten, werden Beiträge von Menschen veröffentlicht, die (leider) nicht erfahren haben, was der Camino den meisten anderen gegeben hat und bis heute gibt. Für sie hat sich der Weg eben nur als Weg offenbart. Ein Weitwanderweg, wie es viele andere auf der Welt gibt, nicht mehr und nicht wenig.

Aus subjektiver Sicht ist das sehr schade, da ich eigentlich jedem Menschen, zumindest aber jenen auf dem Camino Erfahrungen wünsche, mit denen sie den Camino als viel mehr ansehen als nur einen Weg. Erlebnisse, die sie ihr Leben lang begleiten, die ihnen in schweren Stunden helfen oder wenigstens schöne Erinnerungen, die so einzigartig sind, dass sie nur der Camino erschaffen kann. Aber es gibt sie eben: die Menschen einfach nur eine schöne Wanderung erlebt haben und die Menschen, die nach dem Camino der Überzeugung sind, dass die dort verlebte Zeit gar nicht mal so besonders war.

Aber das ist OK.
Der Camino ist eben nicht Everybody’s Darling.

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