Kommentare 4

Tag 1: Der Camino beginnt

Nach einer f├╝r den aktuellen Gef├╝hlsstatus erschreckend erholsamen und durchschlafenen Nacht erwacht das Pilger-Herzchen vor Freude h├╝pfend, so dass fast kein Espresso n├Âtig ist, um den K├Ârper auf den Tag vorzubereiten. Irgendwie habe ich gerade die Bef├╝rchtung, dass ich ganz sch├Ân viele Erinnerungen an Schmerzen und Camino-Wehwehchen vergessen habe – es ist ausschlie├člich die Vorfreude auf alles Gute, das der Jakobsweg bereith├Ąlt, was mir in den Kopf kommt.

Aber sei’s drum. Dieser Camino wird gro├čartig. Ich wei├č es!

W├Ąhrend ich diese Zeilen schreibe und den ersten Beitrag beginne, sitze ich im Flieger, unter mir noch die deutsche Landschaft bei sch├Ânstem Sonnenschein. Die Wetter-App hat mir leider angek├╝ndigt, dass mich Regen, vielleicht sogar Gewitter nicht nur in Santander und Ir├║n f├╝r heute, sondern an der gesamten K├╝ste erwarten. Vermutlich sogar f├╝r die n├Ąchsten Tage. Ich ├Ąrgere mich einen Moment dar├╝ber, schiebe den Gedanken aber schnell beiseite. Ich kann es ja nicht ├Ąndern. Ein weiterer negativer Gedanke der letzten 24 Stunden, der mir aber trotzdem meine Reise nicht verleiden wird. Fakt ist, dass das Wetter den Weg meines ersten Lauftages morgen bestimmen wird. Hinter Ir├║n geht es direkt auf einen Berg, der zwei verschiedene Routen bietet: Die „Alpinista“ f├╝hrt ├╝ber den Berg, bietet wohl einen wunderbaren Ausblick auf die baskische K├╝ste, die zweite, etwas weniger anstrengende Route f├╝hrt um den Berg herum. In den Foren wird die erste Route auf jeden Fall all jenen empfohlen, die mindestens ein wenig fit sind und sie sich zutrauen – der Blick w├╝rde f├╝r jede Anstrengung entsch├Ądigen. Wenn das Wetter allerdings genau so wird, wie es aktuell angek├╝ndigt ist, kann ich mir das auch schenken, denn sehen werde ich nichts. Das w├Ąre schade, ich hatte mich f├╝r den ersten Tag sehr auf diesen Ausblick gefreut, aber auch hier: Ich kann es ja nicht ├Ąndern. Ich stresse mich jetzt nicht zu sehr, entscheide morgen und nehme es, wie es kommt.

Dieser Ryanair-Flug ist schon eine kleine Vorbereitung auf das, was mich in den kommenden Tagen erwartet. Ich erinnere mich meiner vergangenen Caminos und jedes Mal waren es die spanischen Pilger, die hinsichtlich Lautst├Ąrke und Silben-pro-Tag-Anzahl ungeschlagen waren. Die spanische Crew ist hier gerade nicht anders, was zwar meine Lautst├Ąrke nicht so gut ertragende Ohren etwas qu├Ąlt, mir aber dennoch ein Schmunzeln ins Gesicht treibt. Es scheint noch nicht jedem klar zu sein, dass die Kombination aus Mikrofon und Lautsprecher nur bedingt eine Steigerung der eigenen Lautst├Ąrke bedarf. Vollkommen gegens├Ątzlich die Begr├╝├čung des Piloten: Nach einer gef├╝hlten Ewigkeit voller Verwirrung und dem Versuch, die gesprochene Sprache zu identifizieren kann ich die Sorge, eventuell doch im falschen Flieger zu sitzen beiseite schieben, da ich ein / zwei Mal „Santander“ erkenne.

Die Erkenntnis dieses Flugs lautet: Knoblauchbrot im Flieger ist wie fr├╝her Bifi und Frikka im Minibus. Es ist eigentlich unfassbar, welche Gerichte Ryanair da austeilt. Die Knoblauchbrote unterhalten den gesamten Flieger und neben mir wird s├╝├č-saures H├╝hnchen verzehrt. F├╝r die Nichtesser eher unangenehm, von Ryanair aber nicht so dumm, da der Getr├Ąnkekonsum nach einem solchen Mahl sicherlich in die H├Âhe schnellt.

Bei Ryanair gibt's Rettungswesten in T├╝ten mit vorperforierter ├ľffnung.

Bei Ryanair gibt’s Rettungswesten in T├╝ten mit vorperforierter ├ľffnung.

Neben mich gesellt sich eine junge Familie. So nicht schlimm, zumal die kleine Prinzessin echt Zucker ist. Aber ein Vater, der zwei Stunden lang versucht, durch rhythmisches „Cha Cha Cha“ Aufsagen sein Kind vom Weinen abzuhalten, ist jetzt nicht gerade die Idealvorstellung eines Sitznachbarn. Ich bin mir nicht sicher, was das ├╝blere Los ist: der Singsang des Vaters, der mir nach 1.000 Wiederholungen im Ohr wurmt oder ein weinendes Kind.

— Szenenwechsel —

Nun sitze ich im Busbahnhof von Santander, bin gut gelandet und habe ohne Probleme hier her gefunden. Nervig ist die Warterei: Aufgrund nicht gerade optimaler Verbindungen warte ich insgesamt 4 1/2 Stunden hier auf meinen Bus, der mich um 17 Uhr nach Ir├║n bringt, wo ich kurz nach 8 ankommen und hoffentlich noch ein freies Bett in der Pilger-Herberge ergattern werde. Im schlimmsten Fall wird es eine Pension, aber ich wollte es gerne riskieren, um direkt ab dem ersten Abend unter Pilgern zu sein. Leider konnte man hier nicht im Vorfeld reservieren. Eine sch├Âne ├ťberraschung ist aber das Wetter: Entgegen der Vorhersage ist es zwar bedeckt, es sieht aber kein St├╝ck nach Regen aus.

image

Schon in Weeze habe ich Menschen in Funktionskleidung gesichtet, in Santander angekommen kann ich sie dank der Rucks├Ącke und Pilgermuscheln schnell identifizieren. Es zerschl├Ągt sich allerdings ein wenig: die meisten der Deutschen haben den Outdoor Reisef├╝hrer f├╝r den Camino Primitivo in der Hand – mit denen werde ich wohl nicht gehen. Ein paar wenige sitzen aber nun hier im Geb├Ąude, mal sehen, in welchen Bus sie steigen.

Ich freue mich, wieder zur├╝ck zu sein, auch wenn ich noch keine Muschel, Pfeile oder anderen Wegweiser entdeckt habe.

Aber ich bin zur├╝ck!

Sharing is caring!

Schreibe einen Kommentar zu Silke Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht ver├Âffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

4 Kommentare

  1. Silke sagt

    Liebes,
    Na also, da ist er ja, der erste Beitrag. Also ich kenne da jemanden der im“Silben-pro-Tag-Anzahl“ unschlagbar ist….
    Ich w├╝nsche Dir einen tollen ersten Abend und eine erholsame Nacht!
    Silke

  2. J├Ârg sagt

    Guten Morgen Cha Cha Cha,

    ist ja gut, dass du gut angekommen bist.
    ABER – wo ist Tim? ­čÖé

    Bin auf den n├Ąchsten Beitrag gespannt.

    LG

    Cha Cha Cha

  3. Pingback: Tag 2: Boom-Boom-Pilger und atemberaubende Ausblicke | Jakobsweg Blog