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Tag 15: „Hilfe annehmen“ kann auch eine Pr├╝fung sein

Nun liege ich am Strand von Comillas und wei├č gar nicht so recht, wie ich den heutigen Beitrag beginnen soll. Im Grunde haben wir wenig in Bezug auf den Camino erlebt, der Tag war dennoch aufregend, besorgend, frohlockend und f├╝r mich pers├Ânlich auch absolut intensiv.

Die allmorgendliche Baywatch-Melodie schallt heute fr├╝h durch den Raum, diesmal leider in voller Lautst├Ąrke, sodass sicherlich der gesamte Raum aufwacht, ich mich vor allem aber aufs Heftigste erschrecke. Ich wecke Gert und Klarina und direkt f├Ąllt mir auf, dass Gert nicht wirklich in der Spur ist. Er f├╝hlt sich gar nicht gut, sodass wir beschlie├čen, den Tag in Comillas zu beiben. Gert sagt zwar ohnehin, dass laufen heute unm├Âglich ist, alles weitere beschlie├čen wir M├Ądels aber und lassen auch keine Widerrede zu. Bleiben k├Ânnen wir in der Herberge aber nicht: nur wer krank ist, darf mehr als eine Nacht bleiben. F├╝r Gert w├Ąre das OK, f├╝r Klarina und mich aber nicht. Vor wenigen Tagen haben wir den Pakt geschlossen, zusammen zu bleiben – komme was wolle. Heute wird dieser Pakt noch einmal dick unterstrichen. Es ist vollkommen klar, dass wir zusammen bleiben, uns um den fast schon apathischen Gert k├╝mmern und darauf hoffen, dass der morgige Tag besser wird. Klarina und ich sind ohne uns abzusprechen derselben Meinung, zumal diese Stadt mit Sehensw├╝rdigkeiten und Strand absolut alles zu bieten hat f├╝r einen Tag Pause. Ich stratze um 7 Uhr durch die Stadt auf der Suche nach einer Pension, allerdings ist sie zu dieser Zeit noch geschlossen. In der Herberge k├Ânnen wir bis 9 Uhr bleiben, wir lassen Gert also schlafen und r├Ąumen derweil alles zusammen.

Als wir dann doch bald los m├╝ssen, sattle ich Gerts Rucksack auf, schnalle meinen eigenen Rucksack vorne um und bin damit mit rund 25kg beladen. Die Widerrede ist gering und mit dem kurzen Hinweis auf „Hallo? Team und so?!?!“ habe ich auch schnell gewonnen. Die 25kg merke ich auch bald, wei├č aber ja, dass die Pension nur wenige Schritte entfernt liegt und das Fotomotiv ist einfach zu lustig. Gert legen wir direkt ins Bett und ziehen von dannen, um ihm die n├Âtige Ruhe zu lassen. Wir fr├╝hst├╝cken vor dem Gaud├ş-Palast, besichtigen ihn von au├čen, laufen weiter bis zum imposanten Bau der Universit├Ąt und schauen uns dann noch den wirklich beeindruckenen Friedhof an. Zwischendurch schauen wir immer mal wieder nach dem Patienten, bringen ihm Medikamente, er schl├Ąft aber den Schlaf der Gerechten. Ich genie├če die Gespr├Ąche mit Klarina in einem Ma├če, wie ich es selten zuvor erlebt habe bei jemanden, den ich so unfassbar kurz kenne. Wir haben oft zur selben Zeit die gleichen Gedanken, und wenn die Meinungen auseinander gehen sind wir beide genau der Schlag Mensch, der eben auch das Gegens├Ątzliche erlauben und akzeptieren kann.

Ich wei├č, sie wird nun wieder die Tr├Ąnchen kullern lassen, wenn sie das hier liest, aber dieses Fr├╝hst├╝cksgespr├Ąch ist so unfassbar wohltuend, da sie es schafft, meine Gedanken und Gef├╝hle in die richtige Spur zu lenken. Die Spur, die ich zuvor vermieden habe, die aber wohl die einzig richtige f├╝r mich ist.

Als wir noch einmal zur├╝ckkehren um uns in einem der Pension benachbarten Caf├ę niederlassen, steht auf einmal endlich wieder ein halbwegs gesund aussehender Gert im Eingang und f├╝hlt sich tats├Ąchlich wieder fitter. Wir wagen einen Spaziergang durch die Stadt und k├Ânnen sie ihm nun nach unserem morgendlichen Rundgang auch zeigen. Zuerst gehen wir aber in die Kirche, die im Gegensatz zu denen der vorherigen St├Ądte endlich ge├Âffnet ist. Ich bin beeindruckt, da sie keineswegs den Prunk und Pomp bereith├Ąlt, wie ich ihn bisher aus spanischen St├Ądten kenne. Ein rustikales Kreuz aus Baumst├Ąmmen, die obligatorischen Figuren von Jesus und Maria und eine f├╝r mich ├Ąu├čerst beeindruckende Darstellung des Kreuzweges gefallen mir schon sehr. Ich muss mich allerdings hinsetzen, f├╝hle eine Welle an Emotionen ├╝ber mich hereinschlagen, wie ich sie nicht erwartet habe und wie ich sie stehend nicht auffangen kann. Folgendes mag f├╝r manchen Leser ├╝bertrieben klingen, aber ich bin der ├ťberzeugung, dass jeder Pilger auf dem Camino eine so tiefgreifende Erfahrung macht – ganz gleich, ob sie religi├Âs oder spirituell motiviert ist, ob sie mit pers├Ânlichen Schicksalen oder mit tiefem Gl├╝ck zu tun hat. Man sagt, dass der Camino jeden mindestens einmal zum Weinen bringt. Mein Moment war heute gekommen. Und er war von gro├čartigem Gl├╝ck gepr├Ągt.

Ich sitze also auf der Kirchenbank und bin wie vor den Kopf gesto├čen. Ich bin erf├╝llt von Trauer um Vergangenes und Verstorbene aber gleichzeitig verz├╝ckt vor Freude und Gl├╝ck ├╝ber den Moment und mein Jetzt. Schon seit Tagen denke ich zwar ├╝ber den Abschied am Freitag / Samstag nach, lasse das aber gar nicht so richtig an mich heran. Ich m├Âchte im Hier und Jetzt leben, m├Âchte jedes Gef├╝hl dieses Caminos, ob schwer oder leicht, aufsaugen und in Energie umwandeln, m├Âchte jeden so unfassbar kostbaren Moment mit Klarina und Gert in Kopf und Herz festhalten und einfach sein.

Ich bin wie erschlagen und stolpere fast aus der Kirche. Wir m├Âchten die Sightseeing-Runde ├╝ber Friedhof, Universit├Ąt und Gaud├ş-Palast mit Gert machen aber ich komme ├╝berhaupt nicht klar, bin total in Gedanken versunken und kann mich kaum fassen. Am Friedhof angekommen muss ich mich setzen, lasse die beiden alleine hineinziehen und muss mich erst einmal sammeln. Mein „Jeder heult einmal auf dem Camino“-Moment ist gekommen. Ich habe keine Ahnung wieso und weshalb der Besuch dieser Kirche so etwas ausl├Âsen konnte, doch bin ich mehr als nur erf├╝llt von Dankbarkeit. Ich kann diesen beiden Menschen gar nicht oft genug sagen, was sie mir jetzt schon bedeuten und wie unfassbar wichtig sie f├╝r meinen Camino und mein Leben sind.

W├Ąhrend ich diese Zeilen schreibe, stelle ich erst einmal fest, wie ├Ąhnlich wir uns sind. Der eine versteht meine (marginal ausgepr├Ągte) extrovertierte Seite und ich f├╝hle mich hier daheim; der andere ist mir in meiner „Sicherheitszone“ so unfassbar ├Ąhnlich und ich f├╝hle mich verstandener wie selten zuvor. Vielleicht war es Bestimmung, dass wir uns getroffen haben, vielleicht nur Zufall. In jedem Fall ist es eine Begegnung f├╝rs Leben. Und ich bin dankbar. Sehr. Auch wenn ich das jetzt schon so oft geschrieben habe.

So. Seelen-Striptease vorbei. Nach einem mehr oder weniger guten Essen liegen wir also am Strand, meditieren, h├Âren Musik, versuchen uns an Kopfst├Ąnden und genie├čen die untergehende Sonne, ohne Angst vor verschlossenen T├╝ren haben zu m├╝ssen.

Und morgen geht es weiter, den gelben Pfeilen folgend.

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1 Kommentare

  1. Klarina sagt

    Blank ziehen! Auch mich hat dieser Tag unendlich gepr├Ągt und ber├╝hrt. Ich w├╝nschte, ich h├Ątte diese Gabe zu schreiben wie Denise, leider f├Ąllt mir sehr schwer, meine Gef├╝hle in Worte zu fassen.
    TO FIND AND TO BE FOUND
    Mein Motto des Tages