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Tag 2: Alles ist eine Pr├╝fung

Leider hat der urspr├╝ngliche Plan, die Fab2 schon am Monte de Gozo zu ├╝berraschen nicht so funktioniert wie geplant und auch war der ganze gestrige Tag eher ein riesiges Drama, das nur durch die ausreichende Zufuhr alkoholischer Getr├Ąnke sowie Freundschaft und Liebe zweier wunderbarer Menschen wettgemacht werden konnte. In Gerts Zweitschlafsack habe ich doch eine recht angenehme Nacht verbracht, die verwunderten Blicke der anderen Pilger ├╝ber meine sp├Ąrliche Ausr├╝stung waren allerdings schon am├╝sant. Von diversen Menschen werde ich begr├╝├čt und ganz wunderbar angel├Ąchelt, einige kommen auf uns drei zu, schauen mich an und sagen nur strahlend: „Ach, da bist Du ja. Wir haben schon so viel geh├Ârt…“ – das freundliche Miteinander unter wildfremden Menschen ├╝berrascht mich jedes Mal aufs Neue und ich genie├če es sehr, auch wenn die Aufmerksamkeit jetzt nicht unbedingt meins ist. Ein ├Ąlterer Herr aus einer belgischen Pilgergruppe sticht hervor: Gert hat mir schon von dem Wahnsinnszufall erz├Ąhlt und so werde ich nun auch fast herzlich von einem Herrn begr├╝├čt, der aus dem gleichen kleinen Ort kommt wie unser verr├╝ckter Belgier. 

Am n├Ąchsten Morgen erwache ich um 5 Uhr, bleibe noch einen Moment liegen, schnappe mir aber meine wenigen Habseligkeiten, verschwinde ins Bad und genie├če im Anschluss die Ruhe des anbrechenden Tages auf einer Bank. Allm├Ąhlich krabbelt ein Pilger nach dem n├Ąchsten aus dem Bett, sie taumeln schlaftrunken in die B├Ąder, packen ihre Rucks├Ącke auf den Fluren um die Schlafenden nicht zu wecken und fr├╝hst├╝cken schnell die Restbest├Ąnde. Ein wahnsinniges Kribbeln ist zu sp├╝ren, wie ich es so gar nicht f├╝r diesen Ort erwartet habe und vor allem nicht kenne. Der Monte de Gozo war bisher nichts Besonderes f├╝r mich, aber wie sich hier strahlende Gesichter und Herzen vor den Geb├Ąuden fertig zum Abmarsch treffen und „Today’s the day!“ vor sich hin murmeln: da ist schon ein gro├čartiges Knistern zu sp├╝ren.

Auch Klarina und Gert kommen aus ihrem Zimmer, packen schnell zusammen, sodass wir uns gemeinsam auf die rund 5km nach Santiago de Compostela machen k├Ânnen. Da mein Rucksack erst am heutigen Tag von Iberia in unsere Unterkunft gebracht wird, habe ich abermals nichts weiter als mein Handgep├Ąck aus dem Flugzeug und das, was ich am K├Ârper getragen habe. Ein bi├čchen froh bin ich dar├╝ber, mich gestern doch gegen die Crocs und f├╝r die Wanderstiefel entschieden zu haben, ├╝ber fehlende Wechselw├Ąsche und eine Zahnb├╝rste ├Ąrgere ich mich dagegen sehr.

Also stapfen wir los und ich f├╝hle mich sehr komisch. Ich habe nur meinen Umh├Ąngebeutel dabei, sehe damit aus wie einer der Tagespilger, ├╝ber die ich mich immer am├╝siert habe. Gert schaut mich an und meint: „Das ist Deine Pr├╝fung!“, und er hat sowas von Recht damit. Ich sp├╝re die Blicke der anderen auf mir, wie ich leicht bepackt neben zwei offensichtlichen Langzeitpilgern in Richtung des Pilgerziels gehe und sehne mich wirklich sehr nach meinem Rucksack. 

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Wir laufen nebeneinander, oft alle drei Hand in Hand durch die Stadt und erreichen miteinander und nah beeinander die Altstadt von Santiago de Compostela. Eigentlich m├Âchte ich die beiden vorgehen lassen, m├Âchte, dass sie den Moment genie├čen und das (geografische) Ende ihrer Pilgerreise voll auskosten. Ich habe dieses „Ankommen“ ja schlie├člich schon 2010 erlebt. Als ich das bekannt gebe, werde ich f├╝r verr├╝ckt erkl├Ąrt, sie nehmen mich in die Mitte und an die Hand und sagen fast im Chor, dass ich zu ihrem Camino geh├Âre und es mich daher nicht mal im Traum wagen soll, mich hier rauszunehmen. Hach, wie ich diese Menschen doch liebe!

Vor der Kathedrale, auf der Praza de Obradoiero angekommen, werden selbstverst├Ąndlich die obligatorischen Bilder gemacht, ein wenig gestaunt und geschluchzt, wenige Tr├Ąnchen flie├čen und Anrufe nach Hause werden get├Ątigt. Als sich der Platz aber langsam f├╝llt und wir beschlie├čen, dass das jetzt auch erst einmal reicht, zieht uns der Kaffee-Durst weiter. Das Pilgerb├╝ro liegt auf dem Weg, also springen wir schnell hinein: Ich hole mir einen Stempel zum Start des Camino de Fisterra ab und die beiden Herzchen ihre offizielle Compostela. Nach einem schnellen Fr├╝hst├╝ck und mehreren Kaffees ist es endlich 10 Uhr, wir k├Ânnen die Rucks├Ącke in der Herberge abgeben, die ich f├╝r uns reserviert habe und ich kann die Anwesenden darauf vorbereiten, dass mein Rucksack (hoffentlich) im Laufe des Tages von Iberia abgegeben wird. Da die Herberge ohnehin erst richtig ab 12 Uhr ├Âffnet, schlappen wir in die nur wenige Meter entfernte Kathedrale, bestaunen sie ein wenig von Innen, vollziehen zum Teil die Pilgerrituale um die Statue und das Grab des Apostels und erleben die Stimmung. Zwei Stunden warten wir also fast bis zur Messe, haben damit aber einen Sitzplatz. Mich ber├╝hrt die Stimmung w├Ąhrend der Messe, der Gesang geht unter die Haut und auch wenn mir nicht alles Katholische vertraut ist, habe ich doch sehr gro├čen Gefallen an dieser Messe.

Der Durst plagt uns im Anschluss ganz f├╝rchterlich (h├Âh├Â) und so zieht es uns auf einen idyllischen Platz, wir geben uns nicht ganz so guten aber auch nicht wirklich schlechten italienischen K├Âstlichkeiten hin, trinken tollen Wein und kaltes Bier, genie├čen das gro├čartige Wetter, vor allem aber uns. Die Fab3 sind wieder vereint. Das ist eigentlich echt unfassbar!

Am Nachmittag trifft tats├Ąchlich mein Rucksack in der Herberge ein, von einer Dusche und frischen Klamotten kann mich nun niemand mehr abhalten. Um das Wetter und die eigentlich recht sch├Âne Stadt aber nicht zu verpassen, bummeln wir und st├Âbern, essen hier ein Eis und trinken dort etwas und lassen es uns gut gehen. Ich freue mich, dass ich die Stadt nun in einer anderen Stimmung als noch 2010 erleben darf und habe wirklich Freude an ihr. Wir lachen viel, vor allem, wenn wir wieder einmal zu Dritt H├Ąndchen haltend durch die engen Gassen laufen und die fragenden Blicke der Menschen auf uns sp├╝ren. Ein gro├čer Spa├č und vor allem wirklich egal: Wir sind beisammen und nur das z├Ąhlt!

Auf dem morgendlichen Weg in die Stadt ist Klarina auf Francie gesto├čen, mit der wir uns ebenso wie mit Irene, Nancy und Connor f├╝r den Abend verabreden. Irene kommt am fr├╝hen Abend aus Mux├şa zur├╝ck und Nancy hat einen Tag in Santiago de Compostela verbracht – was f├╝r ein gro├čartiges Gl├╝ck, dass ich auch diese beiden nach meiner R├╝ckkehr noch einmal wieder sehen darf. Der Abend wird mit Sangria und Bier eingel├Ąutet, wir wechseln aber schnell in eine tolle Tapas-Bar und ziehen zu sp├Ąter Stunde noch auf ein Afzakkertje weiter. 

Alles ist eine Pr├╝fung.
Manchmal lernt man das aber erst 5 Jahre sp├Ąter.

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