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Tag 2: Boom-Boom-Pilger und atemberaubende Ausblicke

Die gestrige Busfahrt nach Ir├║n habe ich nahezu im Delirium verbracht. Die Wartezeit von etwas ├╝ber 4 Stunden war zerm├╝rbend – als es dann endlich losging, hatte ich zum Gl├╝ck einen Doppelsitz f├╝r mich alleine, sodass ich mich eigentlich der aufkeimenden M├╝digkeit h├Ątte hingeben k├Ânnen. Doch: Zu fr├╝h gefreut.

Der Herr hinter mir hatte offensichtlich seine Kopfh├Ârer vergessen und lauschte fast durchg├Ąngig einem Geburtstagslied, dessen nervt├Âtender Ohrwurm sich bis heute bei mir festgesetzt hat. „Happy Birthday“ von den Schl├╝mpfen oder eben dem spanischen Pendant ist schon nach einer Wiederholung die H├Âlle. Zus├Ątzlich hatte es die Dame vor mir ein wenig zu gut gemeint mit der morgendlichen Dusche im Parf├╝mnebel – ein schwerer, s├╝├čer Altfrauenduft begleitete mich also 2 Stunden und wurde ab der ersten Zwischenstation in Laredo von hektischem F├Ącherwedeln der hier zugestiegenen Dame mit Hitzewallungen verst├Ąrkt.

Im Busbahnhof Bilbao angekommen hat mich der ├╝belste Flashback ereilt. Fast 5 Jahre ist es her, dass ich mit L. hier vom Flughafen angekommen und in den Fernbus nach Pamplona umgestiegen bin. Wenn mir damals jemand gesagt h├Ątte, dass auf diesen Camino, zu dem ich da gerade startete, weitere 3 folgen sollten…

In Irun bin ich dann gegen halb 9 eingetroffen, da ich mich aber wenigstens noch ein wenig umsehen und ein paar Schritte gehen wollte, war die Herberge keine Option mehr – die schlie├čt n├Ąmlich, wie f├╝r Pilger-Herbergen ├╝blich 22 Uhr. Also hin zur Pension Bowling, deren Internetseite viel verspricht und auch habe ich einige gute Meinungen ├╝ber das Hostal gelesen. Ehrlich? Ich kann sie nicht unterschreiben! Zum einen sah das Zimmer nicht ansatzweise so aus, wie beschrieben und gezeigt, zum anderen glaube ich auch, dass ich ├╝bers Ohr gezogen wurde. Das ist aber nicht sicher, daher breite ich das nicht aus. Ich fand es da nur nicht so toll, wie andere sagen.

Mit Blick auf die Wettervorhersage f├╝r den kommenden Tag, die Gewitter ab 14 Uhr ank├╝ndigte, habe ich den Wecker mal auf halb 5 gestellt. Losgekommen bin ich dann aber doch erst um 6 Uhr, die Snooze-Funktion und anhaltende Dunkelheit drau├čen waren einfach zu gute Gr├╝nde, um liegen zu bleiben. Frischen Mutes geht es also los, es klappt auch alles ganz gut, au├čer dass ich die im Buch genannte Abk├╝rzung ├╝bersehe und daher bis Hondarribia laufe. Eigentlich nicht schlimm, da die Stadt sehr h├╝bsch sein soll, aufgrund des anhaltenden Regens habe ich daf├╝r aber kein Auge. Dummerweise hat bis dahin auch keine Bar ge├Âffnet, kein Fr├╝hst├╝ck und viel schlimmer: Kein Kaffee!

Ein netter Mitpilger, den ich im Vorfeld ├╝ber Twitter kennengelernt habe und der genau einen Tag vor mir ist, hat mir abgeraten, die Strecke ├╝ber den Berg zu nehmen – zu gef├Ąhrlich, zu rutschig. Seine Worte im Ohr entscheide ich mich an der Weggabelung gegen den Aufstieg, auch wenn es mir um den verlorenen Ausblick im Herzen weh tut. Doch auch auf der Umgehung werde ich mit sch├Ânen Aussichtspunkten gl├╝cklich gestellt. Der gesamte Weg heute ist ok: Bis Pasaia bin ich fast schon verwundert, wie gut es l├Ąuft, sodass ich Ulia als n├Ąchstes Zwischenziel ausw├Ąhle.

├ťber Stunden hinweg begegne ich keinem einzigen Pilger, als auf einmal Stimmen hinter mir laut werden. „Definitiv Spanier“, denke ich nur aufgrund der Lautst├Ąrke. Als sie n├Ąher kommen, h├Âre ich Musik und wundere mich. Der eine von beiden, den Rucksack fast doppelt so gro├č wie er selbst, hat scheinbar einen Lautsprecher im Rucksack und so laufen die beiden unter dicker Beschallung. Ich lasse sie schnell durch, m├Âchte nicht mitbeschallt werden, dann doch lieber meine Ruhe. Ich muss mich auch oft schwer konzentrieren, der Weg ist rutschig, von Lehm-Lawinen ges├Ąumt und besteht oft nur aus dickem Ger├Âll.

Ich laufe an der Herberge der „12 St├Ąmme“ vorbei – bis heute Mittag habe ich noch mit mir gehadert. Eigentlich wollte ich mir das ansehen und erleben. Ich habe mich aber dagegen entschieden. Achtung, das soll hier nicht als Meinungsmache verstanden werden. Es muss jeder selbst entscheiden, wie er dazu steht. Ich m├Âchte aber keine Weltanschauung unterst├╝tzen, in der es normal ist, dass Kinder mit der Denke „Gott will das so“ geschlagen werden. Und indem ich dort n├Ąchtige, habe ich das Gef├╝hl, es zu unterst├╝tzen. Also laufe ich vorbei…

Noch immer kein Kaffee (zwischendurch nur eine Pepsi an den auf dem Camino immer so wunderbar entlegenen Automaten) und nur die Notration Kn├Ąckebrot angetastet, war ich mittlerweile bei Kilometer 24 – da kommen Tortilla und das isotonische Getr├Ąnk gerade recht. Die Leute in der Jugendherberge Ulia sind furchtbar nett und der Ausblick auf San Sebastian gigantisch. Ich f├╝hle mich hier aber trotzdem nicht wohl. Also noch einmal knapp 5km drauf packen – verr├╝ckt f├╝r den ersten Tag. Eigentlich spinne ich ganz sch├Ân sehr. Die H├╝fte tut mir schon weh und auch die Schultern schmerzen, weil sie das Gewicht der H├╝fte ausgleichen m├╝ssen. Der Abstieg ist aber schnell geschafft, vorbei an mittlerweile fast weinenden jungen Franzosen – die springen und h├╝pfen schon den ganzen Tag durch die Gegend, immer wenn ich sie sehe, liefern sie sich ein Wettrennen – da hat sich bestimmt einer ├╝bernommen.

In San Sebastian angekommen hei├čt aber nicht wirklich ’schon angekommen‘. Um zur (einzigen) Herberge zu kommen, muss die gesamte Stadt und Promenade gelaufen werden. Klingt wenig? Es sind im Grunde drei lange Str├Ąnde in einer lang gezogenen Bucht. Auf die letzten Meter kommt noch die Sonne raus, mich der Regenjacke und Sauna darunter zu entledigen schaffe ich aber nicht mehr. So schleppe ich mich in die Herberge und bin hellauf begeistert! Ich liege (noch) alleine in einem 6-Bett-Zimmer mit eigenen 2 Duschen und Toilette, die Zimmer sind ├╝ber T├╝rcodes gesichert und jedes Bett hat einen gro├čen Spind. Dazu gibt es frisches Bettzeug! Und das alles f├╝r 15ÔéČ – da kann sich manche Herberge mal echt ein Brot abschneiden.

Schnell noch ein Einkauf f├╝r den morgigen Tag, auf dem R├╝ckweg in einer Bar eingekehrt, schreibe ich hier diesen Beitrag zu Ende. Ich werde sicherlich schnell in den wohlverdienten Schlaf hinwegsegeln, auch wenn mir Schultern und H├╝ftknochen ein wenig Sorgen machen. Beide H├╝ften sind rot und beansprucht, ich creme und schone wie wild. Ich verstehe einfach nicht, weshalb das so ist, ich trage den Rucksack ja nicht zum ersten Mal.

Dr├╝ckt mir die Daumen f├╝r morgen!

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3 Kommentare

  1. J├Ârg & Lisa sagt

    Hi Denise,

    bitte entschuldige das bis jetzt doch nicht t├Ągliche kommentieren ­čśë
    Klingt ja schon echt super und interessant was da unten so abgeht.

    Ja wenn Franzosen sich ├╝beranstrengen ;P

    Hoffen, dass du auch weiterhin einen sch├Ânen Urlaub hast ­čÖé

    LG von Allen

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