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Tag 5: Gemeinsam bis ans Ende der Welt

Dass ich morgens meinen Kaffee brauche, um in Schwung zu kommen, d├╝rfte der geneigte Leser schon bemerkt haben. Dass ich auf dem Camino de la Costa echt Probleme hatte, eine ge├Âffnete Bar zu Tagesbeginn zu finden, ebenso. Umso sch├Âner ist es, wenn zur Unterkunft ein Lokal geh├Ârt und die Inhaber verstanden haben, dass sie nicht nur mit fr├╝h aufbrechenden Pilgern Geld verdienen k├Ânnen, sondern diese auch extrem gl├╝cklich stimmen. In der Casa Loncho ist dies der Fall, sodass wir nach einer gro├čen Tasse Kaffee beschwingt in den Tag starten k├Ânnen. Die Ersch├Âpfung des gestrigen Tages hat sich gelegt, die morgendliche Dusche zum Wachwerden ist echter Luxus und so zieht es uns wieder zur├╝ck auf die Stra├če Richtung Finisterre – ans Ende der Welt.

Die ersten Kilometer geht es hinauf, allerdings nicht steil, sondern angenehm ├╝ber einen l├Ąngeren Zeitraum – solche Wege finde ich super: Sie fordern ohne zu ersch├Âpfen. Wir gelangen auf einen traumhaften H├Âhenweg, sehen dann und wann bunte Rucks├Ącke durchs Ge├Ąst schimmern, sind aber trotzdem alleine unterwegs, bis wir an in einem kleinen Dorf mit Pipilette auf das US-Gespann treffen. Die n├Ąchste Bar soll nicht weit entfernt sein und wir verabreden uns f├╝r dort. Wir sind zwar noch nicht lange unterwegs, doch ist dies die letzte Bar bis Cee und damit die letzte M├Âglichkeit zur Einkehr f├╝r 15km.

Keinen Kilometer nach besagter Bar teilt sich die Stra├če und die Pilger m├╝ssen sich hier entscheiden, ob sie dem Weg nach Finisterre oder dem nach Mux├şa folgen. Unser Plan steht fest und wir schlagen den Weg nach links ein. Im Gleichschritt ├╝berholen wir etliche Pilger, einer raunt uns am├╝siert hinterher, wer von uns denn wen ziehen w├╝rde – wir sind definitiv schnell unterwegs, das jedoch ohne zu hetzen oder zu rennen, sondern in einem f├╝r uns und auf gerade Strecke absolut wunderbaren Lauftempo.

Der Weg steigt unmerklich an und wir kommen den tiefh├Ąngenden Wolken immer n├Ąher. Nebel gesellt sich dazu und macht es uns Brillentr├Ągern nicht leicht. Irgendwann geht es nicht anders und wir m├╝ssen ohne Brillen weiterlaufen – f├╝r mich weniger ein Problem, doch m├╝ssen wir unser Tempo drosseln. Der Weg ist uneben und steinig, der Nebel bietet uns manchmal nur f├╝r wenige Meter Sicht nach vorne. Laut meines Reisef├╝hrers soll an Kilometerstein 22,509 die erste M├Âglichkeit f├╝r einen Blick aufs Meer geboten werden. Mal abgesehen davon, dass wir dank der Wolken und des Nebels ohnehin nichts so weit sehen k├Ânnen, finden wir diesen Kilometerstein noch nicht einmal, da viele der Entfernungsplaketten fehlen.

Der Weg macht unwahrscheinlich viel Spa├č und das, obwohl sich uns die Sonne kein einziges Mal zeigt. Es ist eine angenehme Lauftemperatur, der Weg ist sch├Ân und die Kraft des Windes tut unheimlich gut. Ich denke an vergangene Zeiten, strecke die Nase in den Wind, breite die Arme beim Laufen aus und ziehe unheimlich viel Energie aus diesen Kilometern. Als es irgendwann bergab geht, bin ich so beschwingt, dass ich ein wenig unvorsichtig bin. Ich bin mir sicher, dass ich das b├╝├čen werde, habe aber gerade so viel Spa├č, dass ich nicht damit aufh├Âren kann.

Wir erreichen direkt am Ortseingang von Cee eine Bar und kehren auf eine schnelle Cola hier ein, bevor wir weiter ins Stadtzentrum laufen um eine M├Âglichkeit f├╝r eine richtige Einkehr aufzutun. Bis Finisterre liegen noch 12km vor uns und die m├Âchten wir gest├Ąrkt in Angriff nehmen. Als wir schon einen weiteren Umweg gehen wollen, da wir einfach kein Lokal finden, stehen wir vor einem Plakat, dass ein Tex-Mex Restaurant in 35m Entfernung ank├╝ndigt. Wir sind hellauf begeistern, st├╝rmen hinein und freuen uns wie kleine Kinder ├╝ber einen Wahnsinnsburger.

Die ├╝brige Strecke bis ans Ende der Welt legen wir langsamer zur├╝ck, mein Knie macht sich bemerkbar und ich ahne, dass es die fr├╝he Rache f├╝r den Abstieg nach Cee ist. W├Ąhrend wir trotzdem gut voran kommen, schreibt mir Nancy, dass sie ihren Plan, heute bis Finisterre zu laufen ge├Ąndert hat und lieber in Cee bleibt. Sie hofft, dass das Wetter morgen besser ist und sie damit einen sch├Ânen Lauf mit anschlie├čendem Sonnenuntergang in Finisterre genie├čen kann. Es ist schade, da wir sie somit nicht wieder sehen werden, allerdings allzu verst├Ąndlich, zumal sie Null Zeitdruck hat und alles sehr entspannt angehen kann.

Die letzten Kilometer nach Finisterre hinein sind eine Qual f├╝r mich, bergab schmerzt das rechte Knie und ich muss mich sehr konzentrieren. Der Weg f├╝hrt uns am Strand von Finisterre entlang direkt zu unserer Herberge, die keine 100m vom Strand entfernt liegt. Meine Reservierung steht noch und wir erhalten in dieser wirklich sch├Ânen Unterkunft ein Zimmer mit Meerblick und Hydromassage-Dusche. Die Rucks├Ącke laden wir ab und gehen direkt zur├╝ck zum Strand: Ich will ins Wasser! Viele Muscheln machen den Weg ins tiefere Wasser beschwerlich, Gert spielt Klarina in Poo de Llanes nach und ich genie├če das kalte Wasser in vollen Z├╝gen. Die hei├če Dusche im Anschluss ist eine Wohltat und schnell machen wir uns auf zur Touri-Info, wo wir die Finisterrana erhalten, die Urkunde, die uns unseren Weg von Santiago de Compostela bis nach Finisterra bescheinigt.

Nach einem kurzen Einkaufsbummel und mit warmen Jacken ausgestattet schlappen wir ans Kap Finisterre, um dort auf den Sonnenuntergang zu hoffen. Es ist eine Art Pilgertradition, in den Klippen unter dem Leuchtturm den Sonnenuntergang zu bestaunen, die eigene Reise am sogenannten Ende der Welt ausklingen zu lassen und eventuell sogar etwas aus den wenigen Habseligkeiten zu verbrennen um damit einen symbolischen Abschluss der Pilgerreise zu feiern. Wir machen die obligatorischen Fotos am Kilometerstein 0, suchen uns mitsamt K├Ąse, Brot und Wein ein lauschiges Pl├Ątzchen in den Klippen und machen es uns gem├╝tlich.

Den gesamten Tag waren wir von Nieselregen und Nebel umgeben und ich habe mit jedem Kilometer mehr bemerkt, dass es Gert mehr als nur leid tut, den Sonnenuntergang nicht sehen zu k├Ânnen. Mein Leitspruch „Vertraue dem Camino!“ hat er zwar immer nickend best├Ątigt, aber so richtig daran glauben konnte er nicht. Wir sitzen nur wenige Minuten in den Klippen, als der Himmel aufrei├čt, und die Sonne hindurch l├Ąsst. Ich m├Âchte da jetzt wirklich nicht zu hochtrabend schreiben, aber genau diese Dinge sind es, die mein Vertrauen in den Camino unersch├╝tterlich machen. Ich wei├č, der Spruch ist ausgelutscht, aber er ist nunmal wahr: Der Camino gibt Dir, was Du brauchst!

Von Minute zu Minute ├Ąndert sich dieses wahnsinnig sch├Âne Panorama vor uns, die Weite des Meers l├Ąsst mein Herz laut aufseufzen, die Sehnsucht nach der Ferne ist hier ungebremst und ich darf diesen wunderbaren Abend mit meinem Herzensmenschen erleben. Was sich uns da zeigt, ist unfassbar sch├Ân und mit nichts und keinem noch so sch├Ânen anderen Sonnenuntergang vergleichbar. Der Weg, der jeden einzelnen Pilger bis zu diesem Ort gebracht hat, ist so einzigartig und besonders. Das Strahlen in den Gesichtern der anderen Pilger zu sehen, die verstreut in den Klippen und zwischen den B├╝schen sitzen ist wunderbar zu beobachten.

Ach, k├Ânnte man doch nur ein wenig der Gl├╝ckseligkeit einfangen, die ├╝ber diesem Ort schwebt.

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2 Kommentare

  1. Stellvertretend f├╝r Deine andere Tagesberichte in diesem Blogpost mal ein ganz dickes Lob f├╝r die sch├Ânen Berichte und Deine Eindr├╝cke und Impressionen. Ich bewundere Dich. Bewundere Dich f├╝r die sportliche Leistung, f├╝r die Ausdauer und Dein Projekt. Mal abgesehen davon, dass ich das k├Ârperlich nicht schaffen w├╝rde, w├Ąre ich auch nicht der Typ daf├╝r mich auf diesen Weg zu begeben… Um so sch├Âner ist es durch Dich, durch Deine Brille an den Erlebnissen teilzuhaben. Lieben Dank daf├╝r ­čÖé

    • Denise sagt

      Yeah, es hat geklappt! ­čśÇ

      Danke f├╝r Deinen lieben Kommentar, ich freue mich total dar├╝ber!!!

      Liebe Gr├╝├če
      Denise