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Tag 5: Manchmal ist die lange Route die bessere Entscheidung

Mit Erschrecken musste ich gestern Abend feststellen, dass ich meine Ohropax wohl in San Sebastian vergessen habe und ich mit Guido mindestens einen heftigen Schnarcher im Raum hatte. Die gute Irene, mein finnischer Engel hat mir aber ausgeholfen, sodass ich einer entspannenden Nacht entgehen sehen konnte.

So nett der italienische Mitpilger vielleicht ist, ich habe gestern Abend entschieden, dass ich mich ein wenig von ihm distanzieren werde. Die Aussage „Wenn ich Alkohol trinke, werde ich aggressiv. Aber das ist ja normal.“ fand ich jetzt eher unprickelnd und nicht sehr sympathisch. Zumal er sich in diesem Moment Wein einschenkte.

Die Herberge in Arnope kann ich noch immer aus vollem Herzen empfehlen: Unterkunft, Sanit├Ąranlagen und Abendessen waren ausgezeichnet, das Fr├╝hst├╝ck und die Preise um Wein und Kaffee eher dem absoluten Monopol geschuldet, das das P├Ąrchen da oben in den Bergen hat. Aber was solls, der Wein war lecker, die Gesellschaft ausgezeichnet und wo l├Ąsst es sich besser versacken als vor einem warmen Kamin, w├Ąhrend der Regen auf das Dach prasselt.

Dank der Ohrst├Âpsel und hochgelegter Beine habe ich eine ausgezeichnete Nacht verbracht und bin kurioserweise ohne Wecker gleichzeitig mit den anderen aufgewacht. Ein sp├Ąrliches Fr├╝hst├╝ck sp├Ąter, jedoch ungewohnter Weise nicht aus hartem Brot, sondern aus M├╝sli bestehend zieht es mich schnell auf den Weg. Irene ist schon gestartet, Niamh und Miriam machen sich noch fertig, doch w├╝rden sie mich ja ohnehin bald einholen. Der Weg zieht sich durch eine wundervolle Landschaft, das Meer ist in der Ferne zu sehen und im Vordergrund h├Ârt man die Glocken der grasenden K├╝he – ein absoluter Kontrast! W├Ąre das Meer nicht, k├Ânnte ich mich auch in der Schweiz oder in ├ľsterreich befinden.

Viele Gr├╝├če von der Heidi!

Ein von Denise H├Âfer (@geradinemcclintoc) gepostetes Video am

Schnell zieht der Weg aber an, es geht ├╝ber steinige Strecken langsam ziemlich steil bergauf, 300 H├Âhenmeter wollen auf den n├Ąchsten 4km ├╝berbr├╝ckt werden. Belohnt werden wir mit abermals sagenhaften Ausblicken, der Zustand der Wege mit gro├čen Pf├╝tzen bereitet uns schon ein wenig auf das Kommende vor.

An mir vorbei zieht der Pilger mit dem gr├╝nen Zelt, den ich nun schon zweimal habe n├Ąchtigen sehen. Der Rucksack sieht riesig aus und es ist unfassbar, wie der Typ an mir vorbei l├Ąuft. OK, ich bin, vor allem bergauf, nicht die Schnellste. Das ist auch gar nicht schlimm. Aber wenn da einer mit scheinbar komplettem Hausstand links an Dir vorbei zieht, zweifelst Du halt schon ein wenig. An seiner Seite eine junge Dame, ich vermute sie geh├Âren zusammen. Nachdem ich aber beide wieder ├╝berholt habe und sich bei einer kurzen Pause besagte Dame mir n├Ąhert, stellt sich heraus, dass sie Klarina hei├čt, aus Deutschland kommt und gar nicht zum Camper geh├Ârt. Sie erz├Ąhlt mir aber weiter, dass er rund 30kg auf dem R├╝cken tr├Ągt, in Tschechien gestartet ist und bis Jerusalem laufen m├Âchte. Ich bin sprachlos und bin es noch, w├Ąhrend ich da gerade dr├╝ber nachdenke.

Klarina zieht weiter, da wir ein unterschiedliches Lauftempo haben, ich halte mich an gelbe Pfeile und bin bedacht, auf dem Kamm die lange Strecke zu w├Ąhlen und mich nicht aus Versehen f├╝r die kurze zu entscheiden. Diese ist zwar 2,6 km l├Ąnger, f├╝hrt aber nunmehr eher eben und bergab, w├Ąhrend die andere schnell hinabf├╝hrt und darauf ein weiterer, laut schlauem Buch* m├Ârderischer Anstieg bevorsteht. Also genie├če ich den Weg, wei├č die drei Damen vor mir und treffe bei einer Wasserstelle wieder auf Klarina, mit der ich eine kleine Verpflegungspause einlege. Vor einem Bauernhaus hat ein kleiner Junge einen Klapptisch aufgebaut und verkauft gek├╝hlte Getr├Ąnke und Snacks an die Vorbeiziehenden.

Uns entgegen kommt eine franz├Âsische Pilgerin, die uns vor dem bevorstehenden Matsch warnt. Sie sagt, es sei nicht gef├Ąhrlich aber schon heftig und zeigt uns Bilder auf der Kamera. F├╝r den morgigen Tag stehe ├Ąhnliches bevor, da aber schon um einiges schlimmer und auch gef├Ąhlicher. Ich bin gespannt und nehme mir vor, die anderen zu warnen. Klarina zeige ich im schlauen B├╝chlein, welche Herberge ich mir f├╝r das Etappenziel ausgesucht habe und sie ist von der Beschreibung schwer begeistert. Da wir beide der gleichen Meinung sind und alleine laufen m├Âchten, verabschieden wir uns und sind sicher, dass wir uns in der Stadt wieder treffen.

Kurz nach der wohlverdienten Pause kommt, wovor uns die Franz├Âsin gewarnt hat: Eine Schlammschlacht allererster Sahne! Die Bilder d├╝rften f├╝r sich sprechen, ich bin abermals dankbar f├╝r meine Wanderst├Âcke und wei├č, dass ich nicht ohne sie ├╝ber diesen Weg gekommen w├Ąre. Sie haben mir bisher jeden Tag mindestens einen B├Ąrendienst erwiesen und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie Niamh und Miriam ohne St├Ąbe und St├Âcke, vor allem Niamh aber mit offenen Schuhen diese Strecke ├╝berwunden haben. Ich versinke teilweise bis zum Stiefelschaft im Schlamm und bekomme die St├Âcke an mancher Stelle auch nur schwer herausgezogen. Aber auch dieses Wegst├╝ck geht vor├╝ber und ich sehe mich wieder auf sch├Ânen Waldwegen, mit Nadelb├Ąumen und wilden Erdbeeren und ich habe irgendwie ├╝berhaupt nicht das Gef├╝hl, in Spanien zu sein.

Der Aufstieg und die Schlammschlacht zehren definitiv an den Kr├Ąften, das ledierte Schienbein funktioniert, macht sich auf Dauer aber ebenso wie der rechte H├╝ftknochen bemerkbar. Das Ende des Lauftages ist aber nah, also frohen Mutes weiter. Der Abstieg ist ├Ąhnlich steil wie der morgendliche Aufstieg, diesmal jedoch ausschlie├člich auf Asphalt – nicht nur die Knie leiden auf diesen 1 1/2 Kilometern sehr.

Bald taucht ein Fu├čallplatz auf, an dem man sich von der Hospitalera der von mir angedachten Herberge abholen lassen kann – die Albergue ist etwas abseits vom Stadtkern. Ich gehe aber nach einer kurzen Pause auf einer Bank und einem schnellen Energieschub weiter, m├Âchte ja die Chance nicht verpassen, Irene, Niamh und Miriam wieder zu treffen. Aus Spa├č haben wir gesagt, wir entscheiden in dieser Stadt bei einem Bier, wie es weiter geht. Also laufe ich an einer interessanten Kirche vorbei, die um einen riesigen megalithischen Altar herum gebaut wurde und ins Zentrum, lasse auch die Abzweigung zur Herberge rechts liegen und biege auf den Marktplatz ein: Die drei Damen relaxen unter einem gro├čen Schirm bei einem Bier. Wie sch├Ân. Und was f├╝r ein Gl├╝ck, das ich versucht habe, sie zu finden!

Schnell ein Bier her, die von Schlamm verkrusteten Schuhe aus. Die Herberge gegen├╝ber des Platzes ├Âffnet um 15 Uhr, ich habe eine Stunde zum Relaxen. Zu uns gesellt sich Hugo aus Belgien, der seinen ersten Camino vor der Haust├╝r gestartet ist und nunmehr seit ├╝ber 40 Tagen unterwegs ist. Gesehen hatte ich ihn schon auf der Strecke zwischen Irun und San Sebastian, gesprochen hatten wir aber bisher nicht wirklich miteinander. Bemerkenswerter Mann!

Als die Uhr 3 schl├Ągt, ziehen wir in einer kleinen Prozession in die Herberge, vor der schon die 4 leicht verr├╝ckten jungen Franzosen warten, von denen einer seit dem 2. Tag auf Kr├╝cken l├Ąuft. Als h├Ątte ich es geahnt, als sie sich in Pasaia ein Wettrennen in voller Montur geliefert haben. Die Herberge ist eine kirchliche auf Spendenbasis und befindet sich in einem Kloster. Sie ist sehr einfach gehalten, es gibt aber Betten f├╝r uns, eine warme Dusche und zum Abendessen m├╝ssen wir nur um die Ecke. Niamh hat schon ein Lokal entdeckt. Irene m├Âchte noch eine Siesta machen, also bleibt Zeit f├╝r diesen Beitrag, obwohl sich der Magen schon meldet.

Morgen stehen uns 25km bis Gernika bevor, es soll den ganzen Tag regnen. Yippieh!!!!

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5 Kommentare

  1. Silke sagt

    Sprachlos, ich kann nur staunen und mich auf den n├Ąchsten Beitrag freuen !!!

  2. Karin sagt

    Liebe Denise,
    vielen vielen Dank, dass wir das hier mit verfolgen d├╝rfen, das macht mich auch sprachlos…
    Weiterhin viel Gl├╝ck auf deinem Weg…
    Freue mich jeden Tag von dir zu lesen…
    Buen Camino!

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