Kommentare 4

Tag 6: Gemeinsam ist man weniger alleine

Den Abend in Markina-Xemein haben wir auf wunderbare Weise in einem Restaurant ausklingen lassen. Die Runde um Niamh, Miriam, Irene und mich war einfach perfekt – das Pilgermen├╝ hat meinen nicht allzu hohen Erwartungen entsprochen, allerdings waren wir alle pappsatt und der dazu gereichte Wein war ganz wunderbar. In der halbwegs gro├čen Stadt gibt es sicherlich viele Restaurants, in unserem taucht Guido auf und setzt sich an den Nachbartisch. Als wir vier nach (ich bin mir nicht ganz sicher) 3 Flaschen Wein aufbrechen m├Âchten, stellt die Kellnerin eine weitere auf den Tisch und teilt uns mit, dass Guido uns diese spendiert hat. Also rufen wir ihn zu uns, er bringt noch deine halbe Flasche seines Men├╝-Weines in die Runde und auf der mittlerweile nicht mehr nassen Terrasse lassen wir es uns gut gehen. Die Albergue schlie├čt aber bald, als brechen wir auf und suchen uns im Dunkeln des Zimmers unseren Weg – wir sind um kurz vor 10 tats├Ąchlich die letzten, die ins Bett kriechen.

Am n├Ąchsten Morgen werden wir mit wolkenverhangenem Himmel, Grau in Grau und Nieselregen in den Tag empfangen. Wir beschlie├čen alle, die einfachere Variante f├╝r den Tag zu w├Ąhlen, da der Hospitalero uns Schlamm bis zur Wade ank├╝ndigt und das dem entspricht, was die Franz├Âsin Klarina und mir am Vortag angek├╝ndigt hatte. Ich ziehe alleine los, Niamh und Miriam sind ja ohnehin schneller, doch schon bald treffe ich auf Klarina und Hugo, der scheinbar voll den Plan hat und unsere kleine Gruppe anf├╝hrt. Wir ziehen die Landstra├če entlang, halten f├╝r einen schnellen Kaffee an und so st├Â├čt auch Irene zu uns, die anfangs den falschen Weg eingeschlagen hatte.

Die vier Gef├Ąhrten starten ihren Weg, kommen bald von der Schnellstra├če weg und in den Wald, auch hier zeigt sich schon bald der erste Schlamm, jedoch nicht ansatzweise so, wie wir es in den vergangenen Tagen erwartet und f├╝r heute auf der offiziellen Route angek├╝ndigt bekommen haben. Nach einigen Kilometern teilt sich abermals der Weg, der offizielle f├╝hrt durch den Wald und in die Schlammschlacht, der andere ├╝ber eine fast schon idyllische Stra├če, die sich durch die W├Ąlder schl├Ąngelt und der Radfahrer-Weg ist. Ich f├╝hre im Nieselregen mit Klarina die Gruppe an, der sich mittlerweile auch Peter der Camper, Roland aus Frankreich sowie die bekannten Richard und Val angeschlossen haben. Ich f├╝hre wunderbare Gespr├Ąche mit Klarina – es ist schon kurios, wie schnell man doch mit eigentlich wildfremden Menschen auf sehr emotionale und ├Ąu├čerst private Themen kommt. Wir befinden uns von Beginn an auf ein und derselben Wellenl├Ąnge und ich sch├Ątze ihre emotionale Unterst├╝tzung sehr – genau, was ich gerade ben├Âtige!

Wir haben wunderbarerweise die gleiche Geschwindigkeit und kommen ├Ąu├čerst gut klar miteinander. In einer Bar treffen wir weitere bekannte Gesichter, kehren f├╝r einen Kaffee ein und holen uns Energie f├╝r die letzten Kilometer. Klarina m├Âchte eigentlich ein oder zwei Tage in Bilbao verbringen, wir verstehen uns aber so gut, dass sie beschlie├čt, mit mir weiter zu gehen. Mal sehen, wann sich unsere Wege trennen, aber es ist toll zu wissen, nicht allein zu sein – Niamh und Miriam beenden ihren Weg ja (vorl├Ąufig) in Bilbao.

Da wir uns f├╝r die Alternativstrecke entschieden haben, kann ich nun nicht mehr wirklich auf mein kleines schlaues B├╝chlein* bauen, das hier nur die offizielle Strecke beschreibt. Als Klarina und ich aber mit einigem Vorsprung auf Hugo und Irene eine bemerkenswert gro├če Kirche erreichen und hier nicht nur das Zeichen auf einen Brunnen, sondern auf „Free Tapas“ entdecken, sind wir mehr als nur hellh├Ârig. Nicht nur, dass Mutter Natur ruft, eine solche Einladung sollte man nicht ausschlagen. In Eleizalde wurde neben der gro├čen Kirche eine kleine Oase errichtet, es gibt ein paar H├Ąppchen, wir g├Ânnen uns dazu zwei Gl├Ąser des hauseigenen Weins. Prompt stolpert Irene herein und holt Hugo auch gleich, sodass wir noch ein wenig gemeinsam relaxen k├Ânnen, bevor wir uns gemeinsam auf den Weg machen. Mehr oder weniger haben wir alle das gleiche Schritttempo und passen doch wirklich ganz gut zusammen. Wer alleine sein m├Âchte, bleibt es, wer sprechen m├Âchte, darf es. Genau so, wie es sein muss.

Auf den letzten 2 km eilen Klarina und ich gemeinsam voran, der B├╝rgersteig besteht aus einer Tartanbahn und wir beschlie├čen beide, dass stehen bleiben gerade ├╝berhaupt gar nicht mehr geht – wir m├╝ssen jetzt stramm durchziehen. Wir gelangen in die Stadt, die gelben Pfeile haben uns wieder und wir warten an der Abzweigung zur Jugendherberge auf Irene und Hugo. Als diese aber nicht eintreffen wollen, wagen wir uns doch direkt zur Herberge, da die beiden ja vielleicht ├╝ber einen anderen Weg dorthin gelangt sind. Als wir eintreffen, werden wir mit einem gro├čen Hallo von Rainer aus ├ľsterreich und Gert aus Belgien begr├╝├čt, einige Spanier sind auch schon da, aber die Herberge ist noch geschlossen.

Es treffen die schlammverkrusteten Niamh und Miriam ein, die (als h├Ątte ich es geahnt) die Stra├če und unschlammigen Alternative verpasst haben und daher in kurzen Hosen und mit Trekking-Sandalen durch die Dreck-H├Âlle gewatet sind. Alle bekannten und gemochten Gesichter treffen ein, die Sonne kommt raus und am liebsten m├Âchten wir gar nicht von der Sonnenbank vor der Herbere aufstehen. Gert ist ebenso wie Hugo vor seiner Haust├╝re in Belgien gestartet, Rainer ist von Bilbao nach Finisterre gelaufen, mit dem Bus zur├╝ck und noch einmal von Irun bis Bilbao zu laufen und die Runde voll zu machen. Tolle Typen und eine wunderbare Erweiterung meiner Camino-Family.

Nachdem wir mit Bedauern feststellen, dass die von einem Niederl├Ąnder gef├╝hrte Bar erst um 20 Uhr ├Âffnete und und das zu sp├Ąt zum essen war, wollten wir lieber selber kochen. Schnell gez├Ąhlt, wer alles dabei ist: Hugo und Gert aus Belgien, Val und Richard aus England, Niamh und Miriam aus Irland, Rainer aus ├ľsterreich, Irene aus Finnland, Klarina und ich aus Deutschland. Gert, Klarina und ich gehen einkaufen, um dank einer gut ausgestatteten K├╝che ein tolles Abendessen zu zaubern – wohl gemerkt das erste Mal selber kochen in mittlerweile 1.400km auf dem Jakobsweg.

Gert, Klarina und ich ziehen also los, um f├╝r Salat, Spaghetti Aglio e Olio und Dessert (Joghurt mit karamellisiertem Rotwein-Pfirsich) einzukaufen und werden von jedem einzelnen verabschiedet mit „Bringt gen├╝gend Wein mit“. Im Supermarkt ist alles schnell gefunden, und als Wein h├Ąlt zu unser aller Belustigung ein Rotwein namens „Don Hugo“ her. W├Ąhrend der Zubereitung trudelt noch Guido in die Runde, also laden wir ihn an unseren Tisch ein. Der Nudel-Topf erinnert mich ein wenig an l├Ąngst vergangene Jugendfreizeiten, es ist ein wunderbarer Abend und ich f├╝hle mich mehr als nur wohl in meiner Camino-Family!

So darf es gerne weiter gehen!

Sharing is caring!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht ver├Âffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

4 Kommentare

  1. Manuel sagt

    Liebe Denise, Deine Bilder via Handy, hier im Blog aber Vorallem Deine Texte machen mich echt schwer neidisch nicht dabei zu sein, auch wenn ich anfangs dachte Du w├Ąrst in Schottland! ­čśë Mich freut besonders zu h├Âren, dass Du, wie so oft, wunderbare Menschen getroffen hast. Kein Zufall, dass unter Deinem Bericht von heute als „├Ąhnlicher Beitrag“ unser Bild aus Age┼Ť zu finden war ­čśë es macht Spa├č Dich hier „zu verfolgen“ und ich bin dankbar, dass Du Dir soviel Zeit nimmst uns auf Deinem Weg teilhaben zu lassen! Ich w├╝nsche Dir weiterhin: Buen Camino! und freue mich auf Deine Geschichten live im Thums!

  2. Carsten sagt

    Hi D├Ânies, bin dabei und schaue, was Du so Dolles erlebst. Viel Spa├č noch!!!