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Tag 9: Verabschiedungen auf dem Camino

Nach einer mehr als unruhigen Nacht klingelt der Wecker mit der bekannten und mittlerweile auch bei den anderen beliebten Baywatch-Melodie um 6 Uhr. Die Nacht habe ich sicherlich nur um die 4 Stunden geschlafen, Sean aus Irland hat nach dem opulenten Abendessen den gesamten Schlafsaal unterhalten. Ich frage mich ohnehin, wer auf die Idee kommt, Kohl in irgendeiner Form zu einem Pilger-Abendessen auszugeben, aber was solls.

Nach unserem Aufstieg des letzten Abends ist uns klar, welcher Weg uns am Morgen bl├╝hen w├╝rde. Die Strecke von Bilbao nach Portugalete f├╝hrt 10km durch ein Industriegebiet und wird weder im schlauen B├╝chlein* noch im Internet empfohlen. Diese Strecke mit der Metro zu ├╝berspingen steht daher sowohl f├╝r Klarina und mich als auch f├╝r Niamh und Miriam fest. Um hier direkt allen Unkenrufen vorzubeugen: Hier muss niemand irgendjemandem etwas beweisen, wenn das f├╝r uns so OK ist, ist es das eben auch!

Die Metrostation finden wir bald, direkt am Stadion steigen wir ein und erkennen aus dem Fenster, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir steigen aus, richten uns aus und laufen die Promenade entlang, bis die ber├╝hmte und wirklich einzigartige Br├╝cke erscheint und wir schon wenig erstaunt sind. Wir beobachten das Geschehen eine Zeit lang, allein schon, um sch├Âne Bilder bei diesem tollen Wetter zu machen: Unten f├Ąhrt eine Gondel entlang, auf der Menschen und Autos Platz finden, man kann aber wohl auch f├╝r einen Aufpreis oben ├╝ber die Br├╝cke gehen. Da wir uns aber schon auf der richtigen Seite befinden, reichen f├╝r uns Bilder aus.

Bisher hatten wir kein Fr├╝hst├╝ck, sodass wir uns schnell f├╝r einen Kaffee und ein geteiltes s├╝├čes Teilchen in eine Bar gesellen und folgen anschlie├čend wieder den gelben Pfeilen. Sicherlich 10 aufeinanderfolgende Rolltreppen bringen uns den H├╝gel hinauf, wir ├╝berqueren ein Autobahnkreuz und laufen ab hier eine wahre Rennstrecke. Bei rund 5,5 km/H geht es einen Fahrrad- und Joggerweg entlang, der allerdings nicht wirklich enden will. Wir verirren uns trotzdem kurz, finden aber dann doch mit La Arena das Strandbad, in dem wir Pause machen und den Blick auf das Meer und einen sch├Ânen Strand genie├čen.

Es macht gro├če Freude, mit Klarina zu laufen – wir haben das gleiche Schritttempo, und wenn es mal nicht der Fall ist, ist das auch ok. Einer geht vor, der andere zieht nach, auch k├Ânnen wir schweigend nebenher, was ziemlich kostbar ist. Schweigen k├Ânnen kann man tats├Ąchlich nicht mit jedem. Es ist sehr sch├Ân, dass wir uns nicht einmal absprechen m├╝ssen; ich bin sehr dankbar, dass es so gut funktioniert.

Die Gedanken kommen, h├Ąngen sich fest und fliegen vorbei

Es geht am Strand entlang, wir freuen uns wie kleine Kinder ├╝ber die wunderbare Aussicht, schie├čen Selfies und folgen der Ausschilderung. Die Treppe, die uns auf einmal bevorsteht, haben wir so nicht erwartet – wir stemmen sie aber trotzdem und sind fast schon sprachlos ├╝ber den Ausblick, der sich uns ├╝ber die Bucht bietet. Ab hier laufen wir einen H├Âhenweg ├╝ber mehrere Kilometer entlang, der uns in beide Richtung bei diesem wunderbaren Wetter einen unfassbaren Blick bietet. K├╝he streifen unseren Weg, Botox-Ladies mit Fu├čminen sind auch dabei, wir stapfen weiter und freuen uns sehr ├╝ber einen so tollen Tag. Die Gedanken kommen, h├Ąngen sich fest und fliegen vorbei, die Gespr├Ąche ├╝ber Pers├Ânliches gehen weiter, als ich es von so kurzen Bekanntschaften kenne. Ich freue mich mehr als nur ein wenig dar├╝ber, dass ich Klarina kennengelernt habe und bin sehr dankbar daf├╝r, wie sie meinen Weg bereichert. Wir geben uns gegenseitig Input, sie st├╝tzt mich sehr in emotionaler Hinsicht und ich wei├č, dass ich mich heute nicht so verhalten h├Ątte, wie ich es tue.

In Ont├│n m├Âchten wir auf Niamh und Miriam warten, die Wegstrecke scheint laut Buch hier nicht so gut ausgezeichnet zu sein. An einer zweifelhaften Kreuzung senden wir den beiden ein Bild mit dem Hinweis, wie sie zu gehen haben und stapfen weiter. Einen Kilometer sp├Ąter erscheint uns wie eine Oase eine Tankstelle, an der wir f├╝r eine isotonische Zwangspause halten und beschlie├čen, hier auf die beiden zu warten. Klarina legt sich mit dem Tankwart an, wir trinken etwas und warten.
Und warten.
Und warten.
Als wir sie anrufen und sie nur wenige Minuten sp├Ąter ankommen, starten wir direkt durch, da sich f├╝r die n├Ąchsten 2km ein Restaurant ank├╝ndigt, in dem wir halten k├Ânnen.

Dort stoppen wir f├╝r ein paar Getr├Ąnke, auch Guido kommt an und wir werden ihn hier (hoffentlich) das letzte Mal sehen. Ich habe noch nie erlebt, dass eine einzige Person so unangenehm ist auf dem Weg, mich so sehr in „meinem Tanzbereich“ st├Ârt und ich auch aufgrund diverser Aussagen Abstand gewinnen m├Âchte.

Bald geht es aber endlich ├╝ber Felder und Trampelpfade und wir erlangen einen ersten Blick auf Castro-Urdiales – eine wundervolle Bucht mit Hafen und das noch bei sch├Ânstem Wetter. Ich habe Gert schon vorher geschrieben, ob er es bis in die Stadt geschafft hat; er schrieb zur├╝ck, er w├╝rde im Hafen auf uns warten. Nach einem langen Lauf entlang der Strandpromenade und f├╝r die Irinnen am Strand entdecken wir Gert an der Hafenmauer. Die Wiedersehensfreude ist gro├č, wir besuchen schnell die Touri-Info, um ein Zimmer f├╝r uns und die Busverbindung zur├╝ck nach Bilbao f├╝r die Irinnen klarzumachen. Wir checken schnell ein und genie├čen noch ein paar Abschiedsgetr├Ąnke mit den beiden zauberhaften Irinnen, bevor wir leider dann doch bald Tsch├╝ss sagen m├╝ssen.

Niamh und Miriam waren auf diesem Camino die ersten, zu denen ich eine herzliche Beziehung geschlossen habe und ich bin mehr als nur dankbar daf├╝r, dass sie mich und ich sie so lange begleiten durften. Das Wiedersehen in Irand ist mit Klarina und Gert schon in Planung. Diese beiden verr├╝ckten M├Ądels von der Insel haben meinen Camino ziemlich besonders gemacht und waren der Grundstein f├╝r meine diesj├Ąhrige Camino-Family. So tolle und herzensgute Menschen – was ein Gl├╝ck, dass ich sie kennenlernen durfte! Ich habe sie sehr mein Herz geschlossen.

Als die beiden uns verlassen, springen Klarina und ich schnell unter die Dusche und treffen Gert bald wieder zum gemeinsamen Einkaufen. Bei diesem tollen Wetter und einer fantastischen Kulisse m├Âchten wir den Abend am Dock ausklingen lassen. Mit Wein (Don Hugo), K├Ąse, Wurst, Brot und Aioli lassen wir die Sonne untergehen und einen gro├čartigen Tag ausklingen.

P.s.: Ich wei├č, ich bin hinterher, gebe mir aber allergr├Â├čte M├╝he! ­čśÇ

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