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Vorbereitung auf den Jakobsweg: Die Planung und der Kopf.

Jakobsweg Vorbereitung - Planung und der Kopf

Bei der grundsätzlichen Planung des eigenen Caminos scheiden sich die Geister:

  • Die einen kaufen sich einen aktuellen Reiseführer, ackern jegliche Literatur durch, die sich mit dem Jakobsweg beschäftigt, planen die Etappen und suchen sich schon einmal Herbergen aus, in denen sie gerne unterkommen möchten. Sie lesen sich in die Geschichte des Caminos ein, stöbern in Blogs wie diesem hier, schüren die eigene Vorfreude und sind in jeder thematisch passenden Facebook-Gruppe und in jedem interessanten Pilger-Forum.
  • Die anderen laufen einfach los.

Ich gehöre auf jeden Fall zur ersten Gruppe. Weniger, da ich Schiss hatte oder habe, sondern zum einen, dass ich auf Reisen, vor allem auf solchen wie dem Jakobsweg gerne ein bißchen durchgeplant bin (irgendwie so ganz anders zum Leben außerhalb des Caminos), zum anderen machen die Planung und das Schmökern Spaß und ich freue mich so noch mehr auf den Weg. Auch hier gilt aber wieder: Jeder ganz so, wie er will. Ich finde so wichtig, dass jeder den Weg so gehen soll, wie es für ihn richtig ist. Ob er in Pensionen oder in den offiziellen Herbergen nächtigt, ob er sich ausschließlich den gemeinsamen Abendessen der Herbergen anschließt, ein Pilgermenü in einem der vielen Lokale zu sich nimmt, oder lieber etwas feudaler lebt. Ob er zeitbedingt oder aus anderen Gründen ein Teilstück mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück legt – wenn es für diese Person so in Ordnung ist, weshalb sollte ich mich daran stören?

Die meisten Menschen auf dem Weg sind unfassbar entspannt und das trotz teilweise schlimmer Blasen, Schmerzen oder Verletzungen. Die entspannten Pilger sind die, die sich nicht hetzen, die sich ganz an ihr eigenes Tempo halten, die mit ihrem Weg und ihrem Leben auf dem Camino einfach nur zufrieden sind. Wer dem Weg ungestresst und offen gegenüber tritt, wird hier echte Entspannung finden und dazu die Erfahrung seines Lebens machen!

Nach Beiträgen über die Ausrüstung und das vorbereitende Training widme ich diesen Beitrag nun der Planung und ein paar anderen Aspekten, die einem auf dem Jakobsweg begegnen können. Ich schreibe hier explizit können, nicht müssen! Ich habe ebenso wie meine Begleiter und Freunde festgestellt, dass in der für Außenstehende mysteriös klingenden Aussage „Der Camino gibt Dir, was Du brauchst“ ein riesengroßer Funke Wahrheit steckt. Ich habe Freundschaften geschlossen, als ich einsam war und habe spirituelle Momente erlebt, als ich sie gebraucht habe. Doch auch kleine, unscheinbare Dinge passen zu diesem Gedanken: Als mir ein Schnürsenkel riss, lag in einem der Schuhregale ein neuer, unbenutzter und passender. Ich habe erlebt, dass Freunde, die Schmerzen gelitten haben, genau im richtigen Moment einen rettenden Helfer erhielten. Diese Liste lässt sich sehr viel weiter führen und ich bin sicher, dass jeder, der diesen Beitrag gerade liest und schon einmal auf dem Camino war, mindestens eine solche Geschichte zu erzählen hat.

Wer mit offenem Herzen und unvoreingenommen auf dem Weg unterwegs ist, wird sich hier mit Sicherheit wohl fühlen. Wohl fühlen in der Einsamkeit und unter Gleichgesinnten, wohl fühlen in einem ruhigen Einzelzimmer oder im riesigen Schnarchsaal, wohl fühlen mit einem frischen Baguette und einem Stück Käse oder bei einem feudalen Menu mit bestem Vino. Wohl fühlen in einem Leben mit reduziertem Eigentum und im Teilen mit anderen Pilgern.

Ein paar wenige Punkte möchte ich in diesem Beitrag gerne aufgreifen, da sie zum einen mit meiner persönlichen Planung vergangener und zukünftiger Jakobswege in Verbindung stehen, mir zum anderen in Gesprächen mit Pilgern und Nicht-Pilgern aber vor Augen geführt haben, dass die Entscheidung für den Camino auch sehr wohl eine große Kopfsache sein kann.

Schnarchsäle erleben und ertragen

Durch das Durchforsten meines Reiseführers für den Camino* erlebe ich Vorfreude, schaue aber auch schon nach Herbergen und Orten, denen ich gerne einen Besuch abstatten möchte. So entwickelt sich eine etwaige Etappenplanung, an die ich mich aber nicht ganz genau halte. Dafür habe ich zu oft erlebt, dass der Jakobsweg nicht komplett geplant werden kann. Vielleicht kommt eine Verletzung dazwischen oder ein wundervoller Ort sorgt dafür, dass man noch einen Tag dort verweilen möchte. Oder aber man trifft Menschen, mit denen man noch ein wenig Zeit verbringen möchte und daher bei ihnen bleibt.

Es ist eine Art Glaubensfrage, für welchen der beiden großen Jakobsweg-Reiseführer man sich entscheidet: Entweder wird es der gelbe Outdoor oder der rote Rother. Ich bin von Beginn an am Outdoor hängen geblieben, daher begleitet er mich auch in diesem Jahr auf meinem Camino de la Costa. Für welchen ihr euch auch entscheidet: Informationen über den Weg sind hier mit besten Tipps zu den Herbergen untermalt. Gibt es eine Waschmaschine und Internet? Was kostet eine Nacht? Wie viele Zimmer zu wie vielen Betten bietet die Albergue? Wann öffnet sie und können Reservierungen getätigt werden?

Auf meinen Wegen bin ich fast ausschließlich in Pilgerherbergen unterkommen, nur in Viscarret, Villafranca del Bierzo und Santiago de Compostela habe ich in Pensionen / Hotels eingecheckt, da das Angebot dort sehr verlockend war und ich die Einsamkeit benötigt habe. Die Größe der Herbergen war für mich niemals ein Grund für eine positive oder negative Entscheidung. In Roncesvalles hatte ich noch das Glück im riesigen Schnarchsaal einer alten Kirche zu schlafen, der heute nur noch geöffnet wird, wenn die neue Herberge überfüllt ist. Ich hatte in den vergangenen Jahren alles dabei: Mit 200 Menschen in einem Raum oder sogar nur ein kleines Zweibettzimmer. Es ist in jedem Fall ein Erlebnis und macht auch ein bißchen den Gemeinschaftszauber des Weges aus. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er lieber in Hotels schläft oder nur in Herbergen – jeder muss für sich entscheiden, wie der Weg zu seinem Weg wird und das sollte niemand anderes verurteilen.

Wer sich aber für die Herbergen entscheidet, dem empfehle ich auf jeden Fall gute Ohropax dabei zu haben. Zwei Schnarcher können schnell einem ganzen Raum den Schlaf rauben. Außerdem gibt es immer wieder extreme Frühaufsteher, die mitten in der Nacht aus den Betten klettern, um früh am nächsten Ort anzukommen und sich so eines Schlafplatzes sicher zu sein. Ich finde das albern und auch nicht sehr sozial, wenn sie sich so verhalten, wie sie es eben tun.

Albern, da ich kein einziges Mal um einen Schlafplatz bangen musste, obwohl ich im Heiligen Jahr 2010 unterwegs war und auch eine Woche vor dem Papst in Santiago de Compostela ankam. Die Pilgerzahl war weitaus höher als in anderen Jahren und dennoch hatte ich jede Nacht ein Bett! Sozial ist es aus dem Grund nicht, da diese Frühaufsteher in den wenigsten Fällen Rücksicht auf die noch Schlafenden nehmen. Sie leuchten mit Taschenlampen in schlafende Gesichter, sie rascheln mit Plastiktüten neben verträumten Ohren und werfen im Halbdunkeln mindestens eine Flasche auf den Boden. Ohropax helfen daher auch hier wahre Wunder, eine Augenmaske wäre noch das Optimum. Ich kann nur nicht damit schlafen.

Richtungsweiser

Viele Camino-Neulinge machen sich Gedanken um mögliches Verlaufen und Verirren und haben entweder selbst ein mulmiges Gefühl, das beruhigt werden will oder es wird von Freunden und Familie immer wieder entfacht. Ich kenne das. Als ich 2009 / 2010 bekannt gegeben habe, dass ich auf den Jakobsweg gehen werde, hatten nicht wenige Menschen in meinem Umfeld ein großes „Aber…“ auf den Lippen. Allen voran ist es natürlich die engste Familie, die mit der Vorstellung, dass man quer durch Spanien läuft, sogar alleine, nicht ganz so gut klar kommt, als würde man nach Mallorca fliegen. Letztendlich ist es aber so, dass Spanien kein Dritte-Welt-Land ist, man hier alles kaufen kann, was benötigt wird und man vor allem auch schnell wieder nach Hause fliegen kann.

Die Sorge vor dem Verlaufen ist ebenso vollkommen unbegründet. Zum einen sind die Reiseführer ziemlich detailgetreu und helfen während schwieriger Passagen mit Karten und exakten Beschreibungen weiter, zum anderen ist die spanische Bevölkerung entlang des Caminos mehr als nur hilfsbereit wenn man nach der Richtung sucht. Auch jene, die des Spanischen nicht wirklich mächtig sind, sollten hier keine Furcht haben: Eine Frage nach der Richtung in irgendeiner Sprache, die das Wort ‚Camino‘ beinhaltet, hilft oft schon Wunder. Und wer ein paar Worte Spanisch kann, wird dazu noch den guten Willen anfachen.

Schlussendlich ist der Camino mit unzähligen aufgemalten Pfeilen und Muscheln in grellem Gelb markiert – gerade an Kreuzungen und an strittigen Passagen, meistens aber auch zwischendurch sind diese Wegmarkierungen zu finden. Die Suche nach ihnen gleicht manchmal einer Schnitzeljagd, die Augen gewöhnen sich aber so schnell an die Suche nach ihnen, dass dies auch nach der Rückkehr zuhause noch so weiter geht.

El vino

Wer zur richtigen Zeit auf dem Camino unterwegs ist, wird einer Vielzahl an Früchten begegnen, den Geschmack und Duft nach Feigen, Mandeln, Beeren und Trauben genießen können und mit Sicherheit spätestens am Ende des Tages nach einer Flasche einem Glas Vino Tinto lechzen. Das ist zwar nichts, worauf man sich unbedingt vorbereiten muss, ich wollte es nur gerne erwähnen. 🙂

Motivation und mehr

So romantisiert jede Erzählung über den Jakobsweg scheint, so sehr jeder Pilger von seiner Reise schwärmt und dem Daheimgebliebenen zu verdeutlichen versucht, welche tiefgreifenden Erlebnisse er geschenkt bekommen hat, so wenig ist das der komplette Camino. Man muss ja mal ehrlich sein: Der Jakobsweg ist ein Fernwanderweg, der, im Falle des Camino Francés, 800km quer durch Spanien geht. Es wird jedem klar sein, dass das kein Zuckerschlecken sein kann. Ist es wirklich nicht!

Ob der Pilger nur Etappen von 10km macht oder aber unbegreifliche 40km und mehr am Tag schrubbt – ein Spaziergang ist es nie. Regelmäßig kommen Momente, in denen die Muskeln brennen, die Füße krampfen, die Schultern den Rucksack nicht mehr tragen möchten und die Sonne unerbitterlich brennt. Die wichtige Entscheidung, die dann getroffen werden muss ist, „Mache ich weiter oder halte ich an?„. Das wunderbare und dem Mythos das Camino „Er gibt Dir, was Du brauchst“ entsprechende ist, das genau in solchen Momenten irgendwas daher kommt, das einen zum Weitergehen animiert. Zum Nicht-Aufgeben. Und zum Lächeln. Und wenn es nur eine handschriftliche Botschaft auf der Leitplanke oder ein aus Steinen gelegtes Zeichen auf der Straße ist.

Mit sich allein sein können

Nicht zuletzt durch meine liebe Kollegin gehört dieser Absatz auch hier rein. Sie freut sich fast so sehr auf meinen Camino wie ich, sagt aber klar, dass sie das nicht könnte, da er viel mit dem mit-sich-allein-sein-können zu tun hat. Und das stimmt. Ich habe auf meinem Weg wunderbare Menschen kennenlernen dürfen, die ich auch in jedem Café, in jeder Bar und an jedem Abend wieder getroffen habe – dazwischen war aber jeder von uns mit sich allein. Rund acht Stunden zu laufen, nur die eigenen Schritte hören, den Gedanken nachhängen und manchmal auch nicht mehr zu wissen, was man die vergangen zwei Kilometer außer Laufen getan hat. Da kann man schon mal in eine Art Trance fallen…

Plötzliche Emotionsausbrüche können passieren. Müssen nicht, aber können.

Darauf kann man sich nicht vorbereiten.
Aber man muss damit klar kommen.

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