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Tag 18: Der Weg ist noch nicht zu Ende

Nach einer wunderbar entspannten und durchschlafenen Nacht sind wir alle drei tats├Ąchlich vor dem Notfall-Alarm erwacht, der f├╝r heute auf weitaus sp├Ąter als sonst gestellt war. Klarina und Gert wollten gerne mit mir fr├╝hst├╝cken und dann nur eine kurze Etappe machen – die Verabschiedung war einfach wichtiger als alles andere. Lex, der uns am Vorabend noch geschrieben hatte, dass er in Llanes abgestiegen ist, wollte morgens zum „Hi und Bye“ sagen in unserer Herberge vorbei kommen, auch wenn diese einen kleinen Umweg f├╝r ihn bedeutete. Ein letztes Mal packen also, zusammen r├Ąumen, und sich mal wieder dar├╝ber wundern, dass der Rucksack leichter und kleiner ist als an manch anderem Tag.

Das kleine Fr├╝hst├╝ck mitsamt Gehtso-Kaffee haben wir alle so weit wie m├Âglich hinaus gez├Âgert, irgendwann waren die Tassen dann aber eben leer, ich wollte sp├Ątestens 8:30 Uhr auf die 3 km zur├╝ck nach Llanes aufbrechen und auch wollte ich nicht, dass die beiden Herzchen noch l├Ąnger wegen mir warten. Die Herberge, die sie anpeilen, bietet nur wenige Betten und reservieren l├Ąsst sich auch nicht. Besser kein noch gr├Â├čeres Risiko eingehen, es soll heute schlie├člich warm werden, da m├╝ssen ungeplante Kilometer nicht sein.

Also brechen wir ein letztes Mal auf diesem Camino de la Costa auf, satteln die Rucks├Ącke und verlassen die Herberge. Wir haben einen gemeinsamen Weg von rund 100m, bis ich in die andere Richtung aufbrechen muss. Die Verabschiedung so oft ausgemalt und dann doch anders als erwartet. Weder Klarina noch ich m├╝ssen weinen, auch wenn ich mir sicher bin, dass sie anschlie├čend ein Tr├Ąnchen verdr├╝ckt hat. Ich biege um die Ecke, und weg sind sie. Mir wird Bang ums Herz und ich stolpere ein wenig. Zwei Einheimische teilen meinen Weg, weshalb ich mich zusammenrei├če, ich treffe auf die Landstra├če und hatte eigentlich vor, diese entlang bis Llanes zu laufen, da es der k├╝rzeste Weg ist. Ich entdecke aber den Abzweig zum Camino, den wir gestern entlang gekommen sind und m├Âchte doch gerne diese 3 km in entgegengesetzter Richtung auf ihm laufen. Ich komme auf die n├Ąchste Stra├čenkreuzung und finde kein Zeichen, wo ich lang muss. Gestern war ich zu ersch├╝ttert, um auf etwas zu achten, bin Klarina und Gert ja nur hinterher gelaufen. Ich entdecke einfach keine Symbole und sehe es als Zeichen: Der Camino m├Âchte nicht, dass ich in dieser Stimmung, in entgegengesetzter Richtung und vor allem jetzt gerade ohne die Fab2 auf ihm laufe. Also gehe ich wieder in Richtung der Landstra├če, muss sehr mit mir k├Ąmpfen, aber weigere mich, jetzt alles heraus kommen zu lassen. Sieht schlie├člich bl├Âd aus, wenn ein Pilger total verheult in die falsche Richtung l├Ąuft.

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Ich komme also in die Stadt, wei├č von gestern ja, wo sich der Busbahnhof befindet und stapfe direkt dorthin. Das Gl├╝ck scheint mir hold zu sein, ein Caf├ę hat ge├Âffnet und ich kann mich in die Morgensonne setzen. Ich habe noch ├╝ber eine Stunde Zeit, bin aber lieber zu fr├╝h hier als zu sp├Ąt. Ich versuche mich so gut es geht abzulenken und bin froh, als endlich der Bus kommt. Eine zweist├╝ndige Busfahrt steht mir bevor, der Platz neben mir bleibt diesmal durchg├Ąngig unbesetzt und ich fahre oft am Camino vorbei. Ich sehe St├Ądte und D├Ârfer, durch die ich in der vergangenen Woche mit Klarina und Gert gelaufen bin, schreibe meinen Blogbeitrag von gestern und bin gerade fertig, als wir in den Busbahnhof von Santander einfahren.

Ich stelle mit Erschrecken fest, wie nah der Bahnhof doch am Hafen und der Bucht ist und ├Ąrgere mich abermals ├╝ber mich selbst, dass ich bei meiner Ankunft hier vor 2 1/2 Wochen nur im Bahnhof rumgegammelt habe, statt meinen Rucksack einzuschlie├čen und ein bi├čchen rumzulaufen. Meine Pension finde ich schnell und freue mich, dass meine Reservierung von vor 2 Monaten noch bekannt ist. Ein kleines aber sauberes Zimmer mit Queensize-Bett und einem superduper Bad direkt ├╝ber den Flur stimmt mich ein wenig gl├╝cklich.

Ich stelle meine Sachen ab und m├Âchte mich bei dem strahlendblauen Himmel da drau├čen gar nicht lange im Zimmer aufhalten, sondern raus. Es zieht mich auf die Uferpromenade, von der aus ich ├╝ber die Bucht schauen kann und den Strand entdecke, an dem Klarina vor genau einer Woche die Bef├╝rchtung ge├Ąu├čert hat, nicht mehr weiter zu k├Ânnen. Dort dr├╝ben hat alles angefangen: der Pakt, die tiefe Freundschaft. Ohne Stadtplan laufe ich einfach weiter und habe das Gef├╝hl, indem ich besagtem Strand n├Ąher komme, auch den beiden n├Ąher zu sein. Ich merke, dass ich heute bisher ja nur etwas mehr als 3 km auf der Uhr habe und ein paar Schritte gehen muss. Jetzt schon fehlt mir das Laufen und auch wenn ich ohne Rucksack und in Crocs unterwegs in, tut es mir gut. Au├čerdem merke ich, dass das Laufen meine Stimmung beeinflusst. Das Dr├╝cken im Hals und Herzen l├Ąsst nach und ich muss grinsen. Ich bin gl├╝cklich ├╝ber diesen Camino, so unfassbar gl├╝cklich.

Ich habe die wirre Idee, bis zum K├Ânigspalast zu laufen, obwohl mir so richtig nach Sightseeing nicht der Sinn steht. Als ich an einem Strand ankomme und mich die Menschenmassen hier nur noch st├Âren, drehe ich um. Ich merke die Sonne auf dem Kopf, habe aber auch Durst und Hunger. Ich schlendere zur├╝ck, sehe Pilger von der F├Ąhre steigen, wie uns vor einer Woche, stapfe in die City und suche mir eine h├╝bsche Bar f├╝r einen Vino Tinto. Der Burger King gegen├╝ber bringt mich lauthals zum Lachen, dass sich Passanten umdrehen. Letzten Sonntag waren wir hier auf der Suche nach Fleisch und haben scherzhaft gesagt, dass wir hier doch f├╝ndig w├╝rden. Heute giert es mich nach einem Burger, mehr aber aus dem Grund, da ich keine Boccadillos und Tortillas mehr sehen kann. Und alleine mag ich mich in kein Restaurant setzen.

Ich schaffe meine Eink├Ąufe schnell heim und laufe wieder die Uferpromenade entlang bis zum Yachthafen. Auf der Br├╝stung l├Ąsst es sich wunderbar sonnen und diesen Blogbeitrag schreiben, hinter mir planschen Kinder im Hafenbecken und vor mir erstreckt sich die Bucht in ihrer ganzen Pracht. Auch ein kaltes Bier ist in der Tasche f├╝r sp├Ąter.

Morgen Mittag geht mein Flieger heim, ich kann ausschlafen und mich in aller Ruhe auf zum Flughafen machen.

Aber Neuigkeiten habe ich euch versprochen:
Wer ein bi├čchen zwischen den Zeilen lesen konnte (meine versteckten Hinweise), bei mancher Bild├╝berschrift auf Facebook aufgepasst hat oder sich durch die letzten Beitr├Ąge auf Gerts Blog gew├╝hlt hat (er hat es schon vor einigen Tagen bekannt gegeben), wei├č ohnehin schon Bescheid. In knapp drei Wochen komme ich zur├╝ck auf den Camino. Ich bin mit der Idee schon drei Tage schwanger gegangen, bevor ich den beiden davon erz├Ąhlt habe – und sie waren direkt Feuer und Flamme. Klarina und Gert trennen sich in vermutlich 2 Tagen, da Klarina den Camino del Norte weiter geht, Gert aber auf den Camino Primitivo abbiegen wird. Alle drei bleiben wir dank WhatsApp in Kontakt und passen die Etappen ab. Laut aktueller Planung und sofern nichts dazwischen kommt, treffen sich beide schon vor Santiago de Compostela wieder, um gemeinsam anzukommen. Und ich werde dort auf sie warten, auf der Plaza de Obradoiro und sie damit bald wieder sehen. Eine Woche vor ihrer Ankunft machen wie die Planung dann fest. Gemeinsam laufen wir dann bis ans Ende der Welt, nach Finisterra. Eine Reunion der ganz besonderen Art, da ich den Camino de Finisterra ja schon 2010 laufen und die Planung kurzfristig umgeworfen hatte, um noch ein paar Tage mit meinen Freunden zu laufen.

Dieser wunderbare Plan hat den heutigen Abschied auch nicht ganz so schwer gemacht – wir werden uns noch auf dem Camino wieder sehen!

Dies ist also nicht der letzte Blogbeitrag vom Camino dieses Jahr.

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7 Kommentare

  1. Heike Schwarz sagt

    HAllo Denise,
    ich danke dir f├╝r deinen so sch├Ânen und liebevollen Blog , ich habe ihn/euch jeden tag verfolgtund es hat spa├č gemacht von euch7dir zu Lesen.
    ich m├Âchte n├Ąchstes Jahr den ganzen k├╝stenweg laufen und bei meiner recherche bin ich ├╝ber deinen Blog gestolpert…und du hast mir einen gro├čteil meiner ├ängste alleine zu Reisen genommen…danke dir daf├╝r.
    Magst du mir noch verraten welchen Reisef├╝hrer du benutzt hast..?
    Ganz Lieben Gruss
    Heike

    • Denise sagt

      Hallo Heike, ich geh├Âre zum „Team Outdoor“, Klarina hatte den deutschen Rother und Gert den niederl├Ąndischen Rother. Der Rother hat bessere Karten, der Outdoor bis auf wenige Ausnahmen die besseren Beschreibungen.

      Danke f├╝r Deinen lieben Kommentar und f├╝rs Lesen meines Blogs. Ich hoffe, Du bist in drei Wochen auch wieder mit dabei!

      Liebe Gr├╝├če und buen Camino!

  2. Nina sagt

    Es hat mir wahnsinnig spa├č gemacht deine Beitr├Ąge zu lesen und hat die Sehnsucht in mir, selbst einen Camino zu laufen, noch gr├Â├čer gemacht. Danke f├╝r dieses tolle „Tagebuch“ und alles Liebe und Gute f├╝r dich!
    LG
    Nina

    • Denise sagt

      Hallo Nina, vielen lieben Dank! Ich hoffe, Du bist bei der Fortsetzung auch wieder dabei? Liebe Gr├╝├če und buen camino!

  3. Karin sagt

    Hallo Denise,
    deine Berichte waren ganz toll, vielen Dank!
    Hat mir sehr viel Spa├č gemacht zu lesen.
    Alles Gute, bin jetzt schon gespannt auf euer Treffen in drei Wochen.

    LG
    Karin

  4. Verena sagt

    Liebe Denise,

    ich habe deinen Bericht vom K├╝stenweg mit sehr viel Freude verfolgt und bin genau wie du etwas traurig, dass es jetzt erst mal schon wieder vorbei ist.
    Dein Blog ist einfach toll geschrieben und ein H├Ąndchen f├╝r sch├Âne Fotomotive hast du auch! Habe jetzt richtig Lust bekommen, auch irgendwann noch mal auf einem der Jakobswege zu pilgern. Ich bin den Camino Franc├ęs 2010 und 2011 gelaufen, und das ist nun wirklich schon wieder viel zu lange her.
    Da du ja bereits einige andere Strecken gepilgert bist, wirst du noch ein abschlie├čendes Fazit zum Camino del Norte schreiben?

    Alles Liebe und allzeit buen Camino!
    Verena

  5. Pingback: Den Pfeilen und dem Herzen folgen | Jakobsweg Blog