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Tag 7: Wenn der K├Ârper wei├č, es er tun muss

Heute ist der erste Tag seit dem Beginn meines Jakobswegs, dass ich komplett ohne Schmerzen aus dem Bett aufstehe. Klar, die Muskeln sind zu sp├╝ren, allerdings w├Ąre es auch verwunderlich, wenn das nicht der Fall w├Ąre. Aber weder die Schulter noch die H├╝fte noch sonst irgendetwas tut weh, auch der Kopf nicht, obwohl gestern nicht wenig Wein in dieser wirklich tollen Runde geflossen ist. Die Nacht selbst war recht angenehm, was aber vor allem daran lag, dass ich am einzigen offenen Fenster schlafen konnte und daher auch die Macht dar├╝ber hatte.

Erwacht bin ich um 4 Uhr, da die Ohropax schmerzten, die restliche Nacht wollte ich dann ohne sie versuchen. Rainer im Bett unter mir leidet aktuell unter starkem Husten und hat damit seinen Beitrag zum n├Ąchtlichen Orchester geleistet. Ein Moskito hat das gesamte Zimmer unterhalten und ab 5 hatte der Hahn im Nachbargarten das Bed├╝rfnis, uns Pilger vom wohlverdienten Schlaf abzuhalten.
Die merkw├╝rdigen Franzosen in unserem Zimmer fingen, wie von Gert vorhergesagt, gegen 5 mit dem T├╝tenrascheln an, sodass an richtigen Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken war. Der Fr├╝hst├╝cksvorbereitung durften wir am Vorabend schon beiwohnen, der Kaffee wurde tats├Ąchlich da schon gekocht. Ich bef├╝rchtete Schlimmes. Cornflakes, Kekse, Kaffee und Saft – ein typisch spanisches Fr├╝hst├╝ck eben. Wir haben aber zum Gl├╝ck noch K├Ąse und Joghurt vom Vorabend und somit das Beste daraus gemacht. Der Kaffee… ja, der Kaffee. Sagen wir mal: Schwarzes Wasser. Ein gro├čartiger Start in den Tag! Mit Klarina verabrede ich, dass wir uns in der ersten Bar auf dem Weg au├čerhalb der Stadt auf einen richtigen Kaffee treffen. Der Weg schl├Ąngelt sich durch die Stadt, vorbei an der ber├╝hmten uralten Eiche und bald schon kommt der erste Wald in Sicht. Die n├Ąchste Schlammschlacht l├Ąsst nicht lange auf sich warten, der Aufstieg auch nicht. Also wieder wie jeden Morgen bisher: Erstmal den Berg hoch.

Ein Dackel, der es auf Pilger abgesehen hat, verfolgt mich lange und versucht mir in die Hacken zu bei├čen. Sp├Ąter erfahre ich, dass er bei Val die Hose erwischt hat. Auf altem Pflaster und rutschigem Boden k├Ąmpfe ich mir meinen Weg durch den Wald, treffe bald auf Hugo – in den folgenden Stunden werden wir uns st├Ąndig gegenseitig ├╝berholen. Er zieht die Anstiege schneller durch, ich die Abstiege und habe auch auf gerader Strecke einen schnelleren Schritt als er. Auf dem Kamm k├╝ndigt mein schlaues B├╝chlein* ein Dorf an – ich hoffe hier die „erste Bar au├čerhalb der Stadt“ zu finden. Mehr als ein Geisterdorf ist es aber nicht, sodass ich resigniert weiterziehe. Direkt danach treffe ich auf Val und Richard, die wohl die selbe Hoffnung wie ich hatten und sich sehr nach einer Sitzgelegenheit zur Pause sehnen. Rund 10km haben wir bis hierhin geschafft. Und wieder geht es bergauf, der Schlamm wird schlimmer und auf einmal liegen 2 B├Ąume mitten ├╝ber dem Weg. Dar├╝ber steigen ist mit Rucksack unm├Âglich, darunter komme ich nicht ohne Schlammbad hindurch. Ich versuche dennoch die zweite M├Âglichkeit und versinke mit dem Knie tief im Lehm. Auf der anderen Seite angekommen sehe ich, dass man um den Baum herum laufen kann – gro├čartig! Und typisch!

Ich warte auf Richard und Val und gebe ihnen schnell noch den Tipp, bevor ich weiterziehe. Keine 500m stehe ich auf einer gro├čen Schneise und bin fassungslos. Der Wald ist gerodet, gro├čes Fuhrwerk hat seine Spuren auf dem Weg hinterlassen und nach den letzten Tagen steht das Wasser hier. Auch wenn es unm├Âglich scheint – ich muss ja weiter. Meine Stiefelsch├Ąfte kennen den Schlamm ja schon, ich versuche Steine und ├äste als Trittfl├Ąche zu erreichen, bleibe oft stecken und kann den Fu├č kaum herausziehen. Dieses Zeug klebt unfassbar und ich muss abermals an Niamh denken – wie soll sie es mit ihren Sandalen hier durch schaffen? Meine St├Âcke verhaken sich in den Pf├╝tzen und ich w├╝nsche mir an mancher Stelle fast schon Skier unter die F├╝├če. Kontrolliert schlittern klappt immer nur kurz, bis der n├Ąchste Stein dazwischen kommt. Ich wanke oft und sehe mich schon lang ausgebreitet ein Schlammbad nehmen. Auch wenn der letzte Schritt noch einmal gef├Ąhrlich ist, ├╝berstehe ich diese Passage und finde mich auf einem Asphaltweg wieder. Vor mir wankt eine einzelne Person mit pinkem Regenschutz, die ich nicht kenne. Als ich n├Ąher komme und ihn ├╝berhole kommen wir direkt ins Gespr├Ąch und er fragt mich auf Englisch, woher ich komme. Als ich „Germany“ antworte meint er, er h├Ątte das schon aufgrund meiner M├╝tze vermutet, sie sehe so deutsch aus. Und ich so: H├Ą├Ą├Ą├Ą? Da er aus den Niederlanden kommt, unterhalten wir uns fortan auf Deutsch – leider wei├č ich seinen Namen nicht. Seine Frau hat einen Fersensporn und hat den Zug bis Lezama genommen und er l├Ąuft daher alleine.

Das n├Ąchste Dorf n├Ąhert sich, laut schlauem B├╝chlein soll hier eine Bar sein, wohl gemerkt mittlerweile 14km seit dem Start in der Hoffnung auf Kaffee! Die Bar hat – nat├╝rlich! – geschlossen, aber wir treffen auf Hugo auf einem Rastplatz. Ich setze mich kurz, m├Âchte aber weiter, da das n├Ąchste Dorf nur einen Kilometer entfernt ist und auch hier eine Bar sein soll. Ich laufe die Landstra├če erst mit Hugo, dann alleine entlang, erklimme die Stufen, entdecke Klarina und rufe nur noch „Beeeeeeer“!!! Meine Meinung bez├╝glich des Kaffees habe ich mittlerweile ge├Ąndert, zumal Rainer, Gert und Klarina wirklich sehr adrett in der Sonne sitzen und das wahrlich eine Einladung zu Alkohol ist. ­čśÇ

Da es halb 1 ist und die Herberge in Lezama erst 15 Uhr ├Âffnet, bleiben wir noch gem├╝tlich sitzen, schnell gesellen sich Hugo, 2 Spanier und sehr bald auch Val und Richard hinzu. Es flie├čen isotonische Getr├Ąnke, bis wir halb 2 beschlie├čen, die letzten 5km bis zur Herberge in Angriff zu nehmen. Ich mache mir Sorgen um Niamh und Miriam, die sehr sp├Ąt gestartet sind und auch bis Lezama kommen wollten. Da die Herberge aber nur 20 Betten hat und ich von vielen geh├Ârt habe, dass sie dorthin wollten, bef├╝rchte ich, dass sie zu sp├Ąt kommen und noch weiter bis Bilbao m├╝ssen. Klarina, Gert, Rainer, Hugo und ich ziehen wie die 7 Zwerge die Landstra├če entlang, verlaufen uns ein wenig in Lezama und treffen schlussendlich aber doch auf die Herberge, wo schon vier Leute warten und ihre Rucks├Ącke in Reih und Glied stehen. Wir stellen unsere dazu, haben damit unsere Betten gesichert, entledigen uns unserer Schuhe, relaxen in der Sonne und freuen uns einfach, dass wir da sind. Keine 15 Minuten sp├Ąter kommen Miriam, Niamh, Val und Richard an – das Hallo ist ziemlich gro├č und wir freuen uns, dass alle, die ankommen sollten auch angekommen sind.

Die Herberge ├Âffnet, wir bekommen unsere Betten. Klarina und ich sind die ersten Damen, die eingelassen werden – die Rucks├Ącke haben noch nicht den Boden ber├╝hrt als wir schon unter der Dusche stehen. Klein ist f├╝r diese Duschen wahrlich eine ├ťbertreibung, die Duschvorh├Ąnge sind kuschelbed├╝rftig, Drehen ist fast unm├Âglich. Trotzdem sind wir die ersten, die duftend in den gro├čen Schlafsaal kommen, die anderen wollen direkt erst einmal ans Glas.

Also zack, ziehen die 7 Zwerge wieder los in die erste Kneipe. 2 Spanierinnen, die kein Bett mehr bekommen haben und auf den Bus nach Bilbao warten, gesellen sich zu uns – dass sie uns nicht verstehen und wir sie nicht, ist vollkommen egal – man spricht einfach lauter. Hugo l├Ądt sie in sein Bett ein, sie verstehen das Angebot tats├Ąchlich und das Gel├Ąchter ist gro├č, sie steigen in den Bus und wir werden sie wohl nicht mehr wieder sehen.

Nach einer kurzen Dusch-Pause ziehen wir alle (!) in das einzige Lokal am Ort, die Inhaber freuen sich wie Bolle ├╝ber den Ansturm. Das Essen ist m├Ą├čig aber f├╝r 8,50ÔéČ vollkommen OK, zumal der zum Men├╝ geh├Ârige Wein in Mengen flie├čt und spanischer Schnaps auch noch folgt. Wir fallen alle ins Bett und sind froh um den Schlafplatz f├╝r unsere Camino-Family.

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3 Kommentare

  1. silvi sagt

    hallo denise,

    danke f├╝r deine tollen beitr├Ąge! ich will den camino ende august ab santander bis santiago de compostela laufen und fiebere hier schon immer mit ­čÖé

    kannst du mir sagen, wie deine schrittz├Ąhler/kilometerz├Ąhler app hei├čt? (oder ist es ein jawbone? kenne mich nicht aus)

    liebe gr├╝├če aus D,
    silvi

    • Denise sagt

      Ho Silvi,
      die Screenshots stammen aus der Jawbone App, ich habe das Up1, das hoffentlich noch den Camino ├╝berlebt. Ich lasse aber auch die Apple Health App mitlaufen, die in etwa die gleiche Anzahl anzeigt. Auf die KM verlasse ich mich allerdings nicht, da halte ich mich an die Abgaben im Outdoor.

      Liebe Gr├╝├če und Buen Camino Dir!

      • silvi sagt

        danke f├╝r deine antwort. ein jawbone war nicht geplant, aber die apple health app kann ich aktivieren – und mich auf den outdoor verlassen. ich freu mich schon ­čÖé

        buen camino, und alles liebe dir,
        cyndia