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Der Camino ist wie das Leben

Camino Sonnenaufgang

Es lässt sich wohl kaum abstreiten, dass die Vorstellung von einem freien Leben uns schon seit jeher berauscht und beflügelt hat. In unserer Gedankenwelt verbinden wir damit die Flucht vor Unterdrückung, dem Gesetz und lästigen Verpflichtungen. Wir sehnen uns nach der absoluten Freiheit und der Weg dorthin führte schon immer in den Westen.
Alexander Supertramp (Into the Wild)

Kindheit

Zu Beginn, wenn wir noch kleine Kinder sind, zeichnet uns reine Ungeduld aus. Wir sind aufgeregt, möchten alles auf einmal machen, so schnell wie möglich all das sehen und erfahren, was das Leben für uns bereit hält. Wie meinen, alles besser als die Anderen zu wissen, wir möchten schneller laufen als Gleichgewicht und Körper es erlauben und wir quengeln und weinen, wenn uns etwas nicht passt.
Und uns tut ganz schnell ganz schön viel weh.

Erwachsenenalter

Wenn wir erwachsen sind, haben wir uns (im besten Fall) in unserem Leben eingerichtet. Wir wissen, was gut und was schlecht für uns ist und leben im besten Fall auch danach. Wenn es uns in welcher Hinsicht auch immer so gut geht, dass wir ein für Herz und Kopf richtiges Tempo eingeschlagen haben und uns auch danach halten, kommen wir klar. Mal überholt uns der eine Mitstreiter, mal haben wir den längeren Atem. Es hat sich eben alles eingependelt. Manchmal schleppt sich unser Alltag so dahin und manchmal erleben wir kostbare Geschenke. Ob wir sie annehmen oder nicht und ob wir sie wahrnehmen oder nicht liegt dabei ganz an uns.

Lebensabend

Jeder wünscht sich, im Alter stolz auf das gelebte Leben zurückblicken zu können. Wenig zu bereuen und für vieles dankbar zu sein. Wir möchten alles so intensiv wie nur irgend möglich ausgekostet haben und wollen auf gar keinen Fall dem Ende näher kommen. Wir wollen nicht, dass alles vorbei ist, stemmen uns mit Kraft dagegen, ignorieren vielleicht sogar Tatsachen oder versuchen das Unvermeidliche auszublenden.

Schattenspiele auf dem Camino

Was wäre, wenn ich lächeln und in eure Arme laufen würde?
Würdet ihr dann sehen, was ich jetzt sehe?

Alexander Supertramp (Into the Wild)

In der Vorbereitung liest man diesen Vergleich in so mancher Veröffentlichungen über den Jakobsweg und dann, selbst auf dem Weg, stellt man fest, dass so viel Wahrheit darin steckt: Der Camino ist wie das Leben.

Der Start

Zu Beginn des Wegs übernehmen sich die meisten Pilger. Sie nehmen die Überquerung des Ibañeta-Passes von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles mit zu viel Gewicht auf dem Rücken in Angriff, starten zu schnell, versuchen ein unmögliches zu haltendes Tempo vorzulegen und versauen sich im schlimmsten Fall damit schon während des ersten Lauftages die Füße. Persönliche Überschätzung, schlechte Vorbereitung oder vielleicht sogar die falsche Ausrüstung sorgen für den ersten Schock und eine mögliche Zwangspause. Schmerzen strecken die müden Muskeln und Knochen nieder, der Gedanke ans Aufgeben ist zwar noch fern, die Frage nach dem „Warum tue ich mir das an?“ aber umso näher.

Eingespielt

Wenn die ersten Lauftage ins Land gezogen sind, der Pilger sich auf den Tagesrythmus eingestellt hat und weiß, was er wie wann und wo tun muss, um seinem Körper Gutes zu tun, ist alles im Lot. Schmerzen werden sich trotzdem zeigen, ob als Blasen, Muskelkater oder einfach bleierne Müdigkeit des gesamten Körpers. Man gewöhnt sich aber daran, lernt damit zu leben und weiß, wie man den Schmerzen entgegenwirkt. Wir akzeptieren, dass dieser Schmerz einfach dazu gehört und im Grunde auch immer der perfekte Gesprächseinstieg mit anderen Mitpilgern ist. Der Alltag hat seine feste Struktur und in diesem Plan fühlt man sich irgendwann auch wohl.

Das Ende des Weges

Wenn die Tage bis zur Rückkehr „nach Hause“ immer weniger werden, wenn die Kilometer-Angaben auf den Wegweisern Richtung Santiago de Compostela immer niedrigere Zahlen anzeigen und die Ankunft unausweichlich ist, wenn sich die Angst, dass diese wunderbare Zeit bald zu Ende sein soll, nicht mehr unterdrücken lässt, wollen viele Pilger diese Tatsache nicht akzeptieren. Sicher, es gibt nicht wenige, die sich wirklich auf ihre Ankunft in Santiago de Compostela freuen.

Aber ich habe nicht dazu gehört, ich wollte nicht, dass es vorbei ist und war damit auch Null vorbereitet, als ich endlich auf der Plaza del Obradoiro vor der Kathedrale stand. Und dazu allein war. So wie mir geht es wohl nicht vielen Pilgern, dennoch lese ich immer öfter von Bekenntnissen, dass die die Furcht äußerst lähmend sein kann. Die Furcht vor dem Ende des Weges und vor der Ungewissheit, wie es danach weiter gehen sollte.

Gigantische Natur auf dem Camino

Wenn man doch im Vorfeld wüßte, wie man sich auf das DANACH am besten vorbereiten könnte. Wenn man wüßte, wie sich das anfühlt und wie man am besten den Übergang schafft. So individuell sich der Camino jedem Einzelnen zeigt, so einzigartig sind auch die Erfahrungen, die jeder auf ihm und nach ihm macht. Jeder muss selbst sehen, wie er sich am besten auf dem Weg einrichtet, mit allen Überraschungen und Eigenarten klar kommt.

Und daran wächst. 

Und um den passenden Abschluss für diesen Beitrag zu finden, lasse ich lieber dem bemerkenswerten Alexander Supertramp alias Christopher McCandless zu Wort kommen:

Glück ist nur echt, wenn man es teilt!
Alexander Supertramp (Into the Wild)

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